Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualiseren Sie auf Edge, Chrome, Firefox.
Aina Aliotta

Yo no soy activista, soy artista

Das  Schreiben und die Poesie standen immer an erster Stelle. Martha Luisa Hernández Cadenas, geboren 1991, arbeitet als Sprach- und Performancekünstlerin. Unter dem Namen Martica Minipunto erzählt sie radikale, rebellische Geschichten – das Alter Ego ist in Zusammenarbeit mit dem Autor Rogelio Orizondo entstanden. Hernández Cadenas glaubt an die Kraft und Möglichkeiten der Sprache. Manchmal sei ihre Poesie Chaos, sagt sie, oft sehr intim. Die Künstlerin lebt aktuell im Zentrum ihrer Heimatstadt La Habana in Kuba und hat im Juni eine artist residency in La Caldera, Barcelona beendet. Dort hat sie mit ihrer Zunge geschrieben. «Escribir con la lengua» – mit roter Farbe leckt-schreibt sie im Video auf transparente Scheiben. «Lengüetar» – sie sitzt an einem Tisch und liest, spricht, singt. Como se mueven once miliones de lenguas steht als Projektion hinter ihr auf der Wand. Wie sich elf Millionen Zungen bewegen. Auf Kuba leben momentan 11.3 Millionen Menschen.

Die Künstlerin hat bereits an vielen Festivals, Workshops und internationalen Programmen teilgenommen. Sie zeigte Werke an der Experimenta Sur in Bogotá, der Panorama Sur in Buenos Aires oder dem Sâlmon Festival in Barcelona. Sie war artist in residence bei La Serre Arts-Vivants in Montreal, der Young Curators Academy in Berlin und nahm am Watch and Talk 2020 in Zürich teil. Sie schloss 2014 ihr Theaterstudium an der Fakultät für Theaterwissenschaften der Universität der Künste in Havanna 2014 ab. 2016 gründete sie den unabhängigen Verlag Ediciones Sin Sentido. Ihre Bücher, Essays und Performances wurden in Kuba mit Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Premio David de Poesía (2018), dem Premio Bienal de Poesía de La Habana (2019) und den Franz Kafka de novela (2020). Das Reisen empfindet die Künstlerin als Privileg, aus Kuba rauszukommen sei für viele Menschen nicht einfach, gar unmöglich. Für die Kubaner:innen sei die Entscheidung, das Land zu verlassen, meist eine endgültige. Kuba steckt seit 30 Jahren, stark mitbedingt durch die  US-amerikanische Wirtschafts- und Finanzblockade, in einer schweren Wirtschaftskrise, die viele Menschen zur Emigration bewegt. Auch Martha Luisa Hernández Cadenas Beziehung zu Kuba ist ambivalent. Trotz vieler Möglichkeiten, wegzubleiben, kehrte sie immer wieder in ihre Heimat zurück. Sie denkt, dass es für sie hier noch einiges zu tun gibt.

In ihren Werken geht sie kritisch mit ihrer Perspektive um, ist sich ihrer Verantwortung als Kunstschaffende bewusst und nutzt diese selbstreflektiert. Schreiben ist für sie der einfachste Weg, eine Geschichte zu erzählen. Als queerfeministische Künstlerin interessieren sie vor allem die Geschichte der Personen, die im patriarchalen Kuba am wenigsten Gehör erhalten. Die Erfahrungen von anderen zu verstehen, zu teilen und eine eigene Ausdrucksform dafür zu finden. In «Nueve» (2017) setzte sie sich intensiv mit ihrer Beziehung zur eigenen Mutter auseinander. Ihre Community hat sie als Jugendliche über das Theater gefunden und pflegt diese bis heute. Mit ihren Freund:innen teilt sie Schmerz, Geschichten, Erfahrungen und Hoffnungen. Sie beschreibt im Gespräch alltägliche Szenen der Gewalt und der Erniedrigung. Ihre nonbinären Mitmenschen benutzen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, weil sie dort öfters geschlagen und beschimpft wurden. Vor allem trans Menschen erleben viel Gewalt. In der Community tauschen sie sich aus und unterstützen einander. Community und Unterstützung, das ist für sie das wichtigste. Die Sexarbeitenden, die Homosexuellen, die Kranken –  ihnen will sie aus diesem Körper und diesem Schmerz heraus Raum geben. Am meisten schöpft Martha im kreativen Prozess aus eigenen Gefühlen und persönlichen Erfahrungen. Die intensive Arbeit mit ihrem Körper und ihrem eigenen Leiden kann auch sehr schmerzhaft sein, wie der experimentelle Videoessay «No Soy Unicorno» zeigt, der 2019 entstanden ist.

Als Kind hat Martha Luisa Hernández Cadenas der Trickfilm «Das letzte Einhorn» von Disney aus dem Jahr 1982 enorm fasziniert. Sie entdeckte früh die Gemeinsamkeit zwischen sich und Lady Amalthea – beide werden gejagt. «Ich war besessen.» Das Einhorn im Film muss sich in einen Menschen verwandeln, um zu überleben. Hernández Cadenas verstand dies gut; der Wunsch, vor Fremdbestimmung zu flüchten und die Angst vor dem roten Stier, der alle Einhörner einfängt. Auf Kuba ist die allgemeine Abneigung gegenüber Queers heute noch immer stark spürbar. Die Beziehung, die die Künstlerin zum damaligen Zeitpunkt zu einer Frau pflegte, die Faszination für mythologische Wesen und die Diskriminierung im heutigen Kuba, all dies vereinte sie in «No Soy Unicornio», was übersetzt «Ich bin kein Einhorn» heisst. Sie fühlte sich endlich bereit, das Unbegreifbare zu thematisieren.

Vor 60 Jahren gab es in Kuba noch Arbeitslager für queere Menschen, erzählt sie. Sie könne die Ursache für den heutigen Hass nicht klar benennen, weder die Polizei, noch die Regierung trügen die alleinige Schuld. Unter der «Resolución 126» wurde im Juni 2008 zwar die Operation zur Bestätigung des Geschlechts legal, Organisationen wie das Centro Nacional de Educacion Sexual (CENESEX) setzen sich seit Jahren für mehr Toleranz und Gerechtigkeit ein. Mariela Castro, Sexualwissenschaftlerin und Raul Castros Tochter, spricht in diversen Interviews von deutlichen Fortschritten in der kubanischen Gesellschaft.[1] Martha Luisa Hernández Cadenas zeigt sich weniger optimistisch. Wörter wie Inklusion fänden in der Politik Platz, nicht aber in der Realität. Die Ablehnung und die Gewalt im Alltag ist, auch wenn sich die queere Community öffentlich stärker manifestieren konnte, immer noch allgegenwärtig, auf der Strasse, als häusliche Gewalt und in der Schule: «Es scheint, dass es hier keinen Platz für uns gibt.» In den letzten 60 Jahren hätte sich die queere Community in Kuba einen Platz erkämpfen können. Es sei ein Kampf gewesen. Hernández Cadenas betont die allgegenwärtige Gefahr. In ärmeren, ruralen Gegenden nehme die Gewalt besonders brutale Formen an. Für die Künstlerin scheint dies mittlerweile normal zu sein, deshalb wünscht sie sich dringend klarere Gesetze und mehr Hilfe. Gesetze würden helfen, indem sie einen Raum des Rechts und der Freiheit schafften.

Kuba ist seit 1945 offizieller Mitgliedstaat der Vereinten Nationen, zu deren Zielen gemäss ihrer Charta auch die Einhaltung der Menschenrechte gehört. Ein Menschenrecht ist ein Recht gegenüber dem Staat, in dem diese Person wohnhaft ist. Das Menschenrecht definiert sich also direkt über den Staat, in dem eine Person lebt. Im Artikel 7 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht: «Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.» Am 24. Februar 2019 akzeptierte das kubanische Volk den «Código de las Familias», eine Reform des Familienrechts, die die Ehe für Alle und die Abschaffung der Kinderehe ermöglichen sollte, die aber bisher in der Umsetzung scheiterte.[2]Martha Luisa Hernández Cadenas selbst ist nicht an der Ehe interessiert, ihr Traum ist ein «refugio unicornio», ein Schutzraum für Einhörner. Sie stellt sich ein Haus vor, in dem alle ihre queeren Freund:innen sicher leben können. Oft denkt sie über die Ausgestaltung dieses utopischen Ortes nach. Es braucht ihrer Meinung nach viel Struktur: Gemeinschaftsarbeit, Recycling, klare Aufgabenverteilung, Kollaborationen und natürlich möglichst wenig Hierarchie. Da es aber immer Hierarchien gebe, müsste es auch Abstimmungen geben können. Die Künstlerin gibt lachend zu, es sei ein naiver Gedanke, fern von ihrer Realität. Sie stellt klar: Sie sieht sich als Künstlerin und Schriftstellerin, nicht primär als Aktivistin. Aktivistisch ist sie, indem sie marginalisierten Gruppen in ihren Werken eine Stimme gibt und auch ihre eigene Sexualität in einem homophoben Land im künstlerischen Prozess zum Fokus macht und kreativ verarbeitet. Ihr Umgang mit Sprache ist beeindruckend. Sie hat sich intensiv mit der Geschichte ihres Landes auseinandergesetzt und mich als Zürcherin stark an meine Privilegien erinnert.

((Nachspann))

Zur LGBTQIA+-Lebenssituation in der Schweiz: Als zweitletztes Land in Westeuropa kennt die Schweiz seit der Abstimmung im September 2021 die Ehe für alle. Obwohl in der Schweiz LGBTQIA+-feindliche Handlungen zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden können, gestaltet sich das im Alltag oft schwierig und ist beispielsweise für trans Personen immer noch nicht strafrechtlich verankert. Auch in der Schweiz sind Diskriminierung bis hin zu Gewalt gegenüber queeren Menschen keine Seltenheit: die LGBT-Helpline erfasste im Jahr 2020 wöchentlich eine Meldung zu Hate Crimes. Vereine wie die LOS und PinkCross, Zentren wie das Streikhaus und Magazine wie Milchjugend engagieren sich für nationale Aufklärung, Wissensvermittlung und Sichtbarmachung. Daneben gibt es kommerzielle Parties und Veranstaltungen wie das PlaygroundFagdom, das Zurich Pride Festival und weitere sex-positive, queere Parties, die regelmässig von Privatpersonen, Houses oder Kollektiven organisiert werden.

Zur LGBTQIA+-Lebenssituation in Kuba: 2019 wurde die neue Verfassung angenommen, die für lesbische und schwule Menschen erhebliche Verbesserungen brachte. Der sich in Vorbereitung befindliche «Código de las familias» sieht neue Rechte für lesbische, schwule, transgender, queere und non-binäre Menschen vor. Zu den Kräften, die sich dagegen engagieren, gehören die katholische Kirche und evangelikale Sekten. Zu den Aktivitäten in Richtung Gleichstellung gehören die von staatlicher Seite geförderte Pride Conga de la diversidad. Der Alltag für queere Menschen gestaltet nichtsdestotrotz schwierig, es gibt weiterhin Ablehnung und Gewalt.

Die Videoperformance «No soy Unicornio» von Martha Luisa Hernández Cadenas wurde im Rahmen des Short Piece Programms Theater Spektakels 2022 erstmals in der Schweiz gezeigt. Martha Luisa Hernández Cadenas gewann mit der Performance den ZKB Anerkennungspreis. Das Gespräch mit ihr wurde online am 16. Juli 2022 geführt.

[1] https://www.reuters.com/article/latinoamerica-derechos-cuba-homofobia-idLTASIE74A0Y320110511

[2] https://www.cibercuba.com/noticias/2021-12-22-u199955-e199955-s27061-parlamento-cubano-aprueba-proyecto-nuevo-codigo-familias