Wie Rotwein verschüttet. Armut, Unverständnis und Einsamkeit in Berlin

von Leander Steinkopf Leander Steinkopf, *1985, ist freier Autor. gepostet am 09. Juli 2014

Wedding. – »Hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen worden ist.« (Die Arbeitslosen von Marienthal)

Morgens im Netto, wenn sie aufsperren, fluchen die alten Kassiererinnen. Wieder ist ein Azubi nicht gekommen, hat verschlafen oder Besseres zu tun. Irgendwann wird er entlassen, dann fluchen sie über den nächsten. Nebenan im Drogeriemarkt gibt es Eröffnungsangebote, manche Leute warten schon seit einer Stunde, die meisten schieben einen Kinderwagen. Eine junge Mutter tritt aus dem Laden, trägt ihr Kind auf den Schultern, denn mit dem Kinderwagen transportiert sie das Klopapier, vierlagig und fast zwei Meter hoch gestapelt.

Yussuf, der Gemüsechef vom türkischen Supermarkt, über dem ich wohne, drückt mir Obst in die Hand, erklärt mir, wie man Granatäpfel schält oder wie die Frauen denken. Letzte Weihnachten habe ich ihm frischgebackene Makronen runtergebracht. Er hat sich gefreut, aber er kann nicht akzeptieren, dass ich koche, weil man das als Mann nicht macht. Wer denn für ihn koche, frage ich, schliesslich sei seine Mutter in der Türkei. »Hier ist mein Vater meine Mutter«, sagt er in einer Art, die keinen Zweifel erlaubt. Er nennt mich »Meister« und betrachtet mich manchmal mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung, denn alle Freundinnen, die mich besuchen, hält er für meine Geliebten, weil er eine andere Beziehung zwischen Mann und Frau nicht für möglich hält. Damit hat er natürlich Recht, wie immer. Ich kenne niemanden, dessen Weltbild so gut funktioniert.

In der Müllerstrasse kostet ein Döner zweifünfzig, neue Schuhe das Doppelte. Kleidergeschäfte riechen wie Chemiefabriken. Alle hundert Meter gibt es hinter verklebten Schaufenstern ein Automatenkasino, dort verspielen junge Männer das Tageslicht. C&A hat aufgegeben. Das Emblem war schneller abmontiert, als eine Schaufensterpuppe die Kleider wechselt. Sie wollten keine Spuren hinterlassen.

Der Unternehmergeist ist allgegenwärtig, aber die Strasse hinunter wiederholen sich die immer gleichen Geschäftsideen. Macht ein neuer Backshop auf, ist der schon Inspiration genug für den nächsten Backshopgründer. Im Grossdönerladen sagt der Fleischabschneider zum Fladenfüller: »Ich will das hier nicht ewig machen. Ich mache meine eigene Bude auf.«

Im Kalbfleischdönerladen am Leopoldplatz hängt ein Foto des Besitzers mit Angela Merkel. Sie trug an diesem Tag einen schneeweissen Blazer, weshalb sie sich etwas unbehaglich fühlte in der Nähe von fettigem Fleisch. Sie hält ein Dönermesser als Requisit in der Hand, versucht die grösstmögliche Distanz zum Fleischspiess zu halten, aber trotzdem glaubwürdig davon abzuschneiden. Das sieht aus wie eine zaghafte Fechtübung mit rotierendem Dummy.

Ein Mann wartet auf den Bus zur Arbeit, der kommt meist spät, aber darauf verlassen kann man sich auch nicht. Jeden Morgen wirft der Mann einen Blick in den Mülleimer, doch Glück hat er selten, die Professionellen kommen ständig vorbei, schieben den Arm bis zur Schulter in den Abfallkorb und haben ihn durchwühlt, mit drei geübten Griffen. Nur wenige wühlen, doch viele schielen nach den Abfallkörben, der Flaschenblick, sie schlendern die Strasse entlang, lassen es sich kaum anmerken, doch wenn sie eine Pfandflasche sehen, dann greifen sie zu und tragen sie zum Rückgabeautomaten bei Kaisers, der stinkt wie eine Bierstube bei Sommerhitze.

Der Bus hält, und der Fahrer flucht, er schleppt eine Verspätung mit sich rum, die hat er vom Kollegen übernommen und gibt sie später an den nächsten weiter. Die Dienstpläne sind auf Kante genäht. An jeder Endstation hat der Fahrer zehn Minuten Pause. Ist er spät dran, fährt er durch.

Zwei Polizisten schlendern plaudernd an einer Reihe falschgeparkter Autos vorbei. Auf der Strassenseite gegenüber sitzt der alte Müllmann neben mir vor dem Café und schüttelt den Kopf: »Weesste, die Bullen haben keen Bock uff den Stress. Für jeden Strafzettel müssten die mit dem Fahrer ne halbe Stunde diskutieren. Dafür haben die keene Nerven mehr. Die können nich mehr. Und dit wissen die Falschparker ooch.« Er nimmt einen Schluck vom Kaffee, der ist schon kalt, weil er so gerne redet. »Ick hab ja noch die goldnen Zeiten erlebt, im öffentlichen Dienst, in West-Berlin, als man dit Geld da hinjepumpt hat. Man musste dem Osten doch zeigen, was der Kapitalismus kann. Und die Berliner Politiker ham sich halt dran jewöhnt, dass dit Geld von selber fliesst. Ick bin Frühpensionär, doch die jungen Leute, die armen Schweine, müssen’s ausbaden.«

Auf den Bänken vor der Alten Nazarethkirche treffen sich die Trinker, dahinter die Junkies. Neben der Kirche ist der Kindergarten. Erst fand man dort Heroinkügelchen im Sand, später auch Spritzen, und die Kirche stellte einen Wachmann an. Für die Trinker richtete man einen Trinkraum ein, dort können sie im Warmen kostenlos Bier trinken unter der Bedingung, dass sie keinen Schnaps mitbringen. Sie kamen zum Bier, aber tranken den Schnaps draussen weiter. Da schraubte man die Bänke ab.

Vor etwas mehr als hundert Jahren war der Platz in der Nazarethkirche knapp, deswegen baute man die Neue Nazarethkirche dahinter. Heute kann die evangelische Gemeinde kaum die alte Kirche füllen. Einmal war ich dort im Gottesdienst. Der kleine Kevin-Justin wurde getauft, und kaum war das Wasser über seine Stirn gelaufen, ging die Taufgesellschaft vor die Tür, um zu rauchen. Den Unterhalt für die neue Kirche konnte sich die Gemeinde nicht mehr leisten, dort feiern Sekten Gottesdienst. Die Wartung ist eingestellt. Irgendwann hat man die Büsche entfernt, die um die Kirche wuchsen, weil zu viele dort hinurinierten. Nun pissen sie direkt an die Kirchwände. Die Turmuhr ist stehengeblieben. Fünf vor zwölf.

Der alte Müllmann ist kein Mensch von der laschen Sozialarbeitergattung. Er kann Gejammere nicht ertragen, er erwartet, dass man den Unrat anpackt und wegräumt. Wenn ein Araber verzweifelt vom Amt kommt, klopft er ihm auf die Schulter und macht ihm Mut für den nächsten Versuch. Er lacht immer, darin ist er unerbittlich, und er ist überzeugt: Irgendwann renkt sich alles ein. Im Café sitzt der alte Müllmann immer bei mir, und wir lachen. Mit mir versteht er sich, den anderen war er schon immer verdächtig, weil er glücklich ist.

Sonst sitzt meist Mehmet neben mir, erzählt mir von Politik, dass Frau Ferkel schuld ist, die Juden oder die Araber. Er erklärt mir die Welt, weil ich schweigsam bin und neugierige Augen habe. Er denkt die Türkei noch in den Grenzen des Osmanischen Reiches, auch Bulgaren und Bosnier nennt er Türken, und wenn ich ihm nicht widerspreche, bezahlt er meinen Kaffee. Wenn ich weggehe am Abend, warnt er mich vor zu viel Bier, gesteht mir zwei zu, vielleicht drei, er weiss, wovon er redet, oft erzählt er von der Kneipe, die er besass, die ihn seine Gesundheit kostete.

Nun sitzt da auch Dostojewski, der kriegt Hartz IV, promoviert in Germanistik und macht was mit Theater, da spritzt man mit Körperflüssigkeiten, manchmal tagelang, sagt er. Er spuckt beim Reden, weil er von seiner Sache begeistert ist. Seine Handflächen sind dunkelrot, denn am Wochenende hat er Rotebetesaft vom Bühnenboden geschrubbt.

Nebenan ist der alte Musikladen, das letzte Geschäft, das es schon im alten Wedding gab. Jeden Tag reisst die alte bucklige Frau das Gitter vor der Eingangstür hoch, freiwillig und fröhlich, der Ruhestand steht ihr sicher schon seit zwanzig Jahren zu, doch sie steht hinter der Ladentheke. In der Pause hängt sie das verbrauchte Schild raus, mit einem alten Blumenmotiv beklebt und dem Satz »Bin gleich wieder da!« und mit Edding daneben geschrieben »Birazdan Geliyorum«. Auch wenn ich nur Gitarrensaiten kaufe, lasse ich mir immer eine Rechnung schreiben, denn dann holt sie den alten Quittungsblock hervor, der vergilbt und an den Rändern schon braun und brüchig ist, sie streicht die alte Postleitzahl durch, schreibt die aktuelle hin und trägt sorgfältig Buchstaben und Ziffern in die Zeilen ein. Sie ist langsam, doch im Laden vergeht keine Zeit. Beim Schritt nach draussen erschlägt mich die Gegenwart.

Irgendwann blieb das Gitter tagelang unten. Der Späti-Besitzer am Leopoldplatz erzählte mir, eines Morgens habe ein Kunde nach einer Ziehharmonika und einer Flöte verlangt. Die alte Frau schrieb schon die Rechnung für ihn, da griff er nach einem Messer auf der Theke, stach zu, mehrfach. Am Mittag fand man sie blutverschmiert. Ihren 85. Geburtstag feierte sie im Krankenhaus. Jetzt sitzt sie wieder im Laden, doch ihr Lächeln zögert, wenn sie sagt, es gehe ihr gut.

Ich sitze schon über drei Jahre vor diesem Café. Anfangs sah ich nur schöne Südländerinnen, die leider zu viel Frisur und zu viel Schminke trugen. Schönen Kopftuchträgerinnen schaute ich gerne hinterher, sie tragen eine Mode neben der Mode her, einen Parallelschick, der all ihre Haut so hauteng bedeckt, dass sie wie nackt an mir vorübergehen. Sie gibt es immer noch. Doch das Café verkauft nun auch Pappbecher mit Latte macchiato, wo früher hauptsächlich schwarzer Kaffee mit zu viel Zucker über den Tresen ging.

Vor dem Café klettert ein Mädchen vom Beifahrersitz auf den Bürgersteig, greift nach dem hinteren Hosenbund, zieht ihn zwei Kleidergrössen nach oben. Der Fahrer streichelt den Wagen und seine Freundin mit ähnlichem Stolz. Er redet von grossen Plänen, mit lauter Stimme, dass es jeder hört. Er stottert ab, hinter ihrem Rücken.

Ein Kleinkind krabbelt unter einen Cafétisch und baut ein Türmchen aus Zigarettenstummeln. Die Mutter schaut ihm zu dabei. Ich bringe meine leere Tasse rein und verabschiede mich von Dostojewski und dem Müllmann. Ein kleiner Junge, Grundschulalter, taucht vor dem Café auf, seine Eltern schauen nicht, da öffnet er die leere Hand und zeigt sie den Cafégästen, sein Blick fleht mit zusammengezogenen Augenbrauen, denn er will etwas Süsses kaufen. Hier macht jeder die Hand auf, das ist normal, und die Kleinen lernen schnell.

In der U-Bahn sitzt mir morgens immer ein Biertrinker gegenüber, und ich kann sie nicht mehr sehen, den schalen Atem nicht mehr riechen, doch dieser will meinen abschätzigen Blick nicht akzeptieren. Er habe die ganze Nacht bei Zalando Schuhe gepackt, jeden Tag fahre er hin und weiss vorher nicht, ob es zwei Stunden Arbeit gibt oder zwölf. Er sei alleinerziehender Vater, aber vom Staat nehme er nichts. Ich nicke respektvoll. Ein Bettler steigt ein, wie üblich, und sagt seine Sätze auf, er ist jung und grossgewachsen, sieht nicht nach Drogen aus oder Alkohol, nicht einmal psychotisch. Und der Mann mit dem Bier brüllt ihn an: »Verdammt, du bist jung und gesund, geh nach Hause und such dir eine verdammte Arbeit! Mach was aus deinem Leben! Verschwinde! Verschwinde!«

 

Weltverbessern. – »Es kassiert ja vor allem ein Bundesland. Wir zahlen die Hälfte, und die Hälfte kassiert fast ein Land. Das ist Berlin. Also Berlin ist wirklich das Zentrum des Problems.« (Markus Söder, CSU)

Er lebt in Süddeutschland, Lehrer am katholischen Gymnasium, Religion und Geschichte, und seitdem er zu dick ist, um selber zu kicken, trainiert er am Wochenende die Nachwuchsmannschaft. Er trägt braune Budapester Schuhe zur gebügelten Bluejeans, unter dem Tweedsakko ein kurzärmliges Hemd, weil er das praktisch findet. Die alten Freunde vom Abitur trifft er auf Hochzeiten und Taufen, und alle, die er dort nicht trifft, sieht er hier in Berlin.

Irgendetwas regt ihn auf. Und die Geduld, die man braucht, um die erste Zigarette aus einer frischen Packung zu pulen, er hat sie nicht, zerbricht die erste, die zweite, die dritte, bis sich die vierte aus der Schachtel schütteln lässt. Er steckt sie in den Mund und tunkt sie in die Streichholzflamme. Noch bevor er mich begrüsst, hat er die Stadt schon zweimal grollend Gomorrha genannt, nun ist die Aufregung blauer Dunst, der langsam aus ihm entweicht. Dieser Moralrelativismus, diese Toleranz bis zur Gleichgültigkeit, wie er sagt, davon muss er erst husten, dann rauchen. Und die Menschen, sagt er, lieben dieses Berlin, lieben das Dreckloch und die Scheissegalität, weil es hier prickelt, wie eine Brausetablette, die sich auflöst. »Wo es abwärts geht, ist Berlin immer vorne mit dabei. Und niemand nimmt es ernst«, sagt er.

Er denkt, das Leben hier sei leichter, zu leicht, doch er versteht es nicht. Versteht nicht den ständigen Vergnügungsdruck, der hier herrscht. In anderen Städten ist die Geschäftigkeit ansteckend, die Faulheit peinlich, aber in Berlin schlägt einem der Fleiss aufs Gewissen, jeder abstinente Moment ist wie verschwendet, ausgeschlafen sein heisst, etwas verpasst zu haben, feste Beziehungen sind ausgelassene Gelegenheiten. Und nur in Begleitung von Besuchern, die zum Urlaub hierher kommen, kann man die Schönheit der Stadt wieder sehen, fühlt sich der Spass nicht mehr so anstrengend an. Er aber hat keine Zeit für den langen Weg bis zum Morgengrauen. Um fünf Uhr abends hat er einen Termin für die Reichstagskuppel, und vor einem frühen Flug geht er früh ins Bett. Ausserdem ist er keiner, der mit Freude vorausgeht ohne den Weg zu kennen.

Die Party vom Vortag hallt noch in seinem Schädel, bei alten Freunden, irgendwo hier im Prenzlauer Berg. Ob der Wein trocken sei, habe er gefragt, und die haben geantwortet: Keine Ahnung, wir trinken den nur mit Cola. In der Badewanne trieben Sternburg-Etiketten an der Wasseroberfläche, und am Grund lag das Bier, nackt und billig. »Sind wir nicht zu alt dafür?«, fragt er mich, und ich tue so, als ob er nicht auf eine Antwort wartet.

Wir gehen zu Fuss. Die Fashion Week versperrt die Strasse des 17. Juni, die Bewohner Kreuzbergs gehen gegen hohe Mieten auf die Strasse, und die Verkehrsgesellschaft streikt. Unsere Augen haften am Boden. Wir schauen nach Hundescheisse und gehobenen Gehwegplatten. Ein Schild »Gehwegschäden« steht an allen Bürgersteigecken, er fragt, ob dies das Mantra der verarmten Stadt sei, die Hoffnung, dass sich alles von selber löst: »Geh weg! Schäden«.

Die Frauen in der Kastanienallee gefallen ihm, so kunstvoll verschlafen, dass er glaubt, es ist echt. So schöne Frauen gibt es sonst nur in Baden, sagt er. Ich warte mit ihm an der Fussgängerampel. Ein kleiner Junge an der Hand seiner Mutter fragt: »Mama, warum sind eigentlich alle coolen Leute arm?«

Auf dem Rosenthaler Platz schaut er durch die hohen Fenster in die Cafés und gibt seine postkapitalistische Späti-Theorie zum Besten. »Schau es Dir an«, sagt er, »das Wichtigste im Kapitalismus ist, an die Zukunft zu denken, zu planen und seine eigenen unmittelbaren Bedürfnisse zurückzustellen. Wenn ich mir vor acht Uhr Ladenschluss kein Bier gekauft habe, kann ich nach acht Uhr Ladenschluss daheim kein Bier mehr trinken. Hier in Berlin ist der Zwang zu planen völlig aufgehoben, der Bedürfnisaufschub abgeschaltet. Niemanden interessiert es, dass ein Bier im Späti das Doppelte kostet, sie kaufen eines, wenn sie gerade Lust haben, und untergraben damit ihre Planungsfähigkeit und ihre Disziplin. Mit dem Spätibier in der Hand zerstören sie ihr Funktionieren im Kapitalismus. Und sie müssen nicht einmal mehr über das Flaschenpfand nachdenken und das Mehrwegsystem. Sie lassen das Leergut für den Flaschensammler stehen und fühlen sich für jede leergetrunkene Flasche wie ein Wohltäter.« Er ist stolz auf seinen Gedanken, aber ich bin ihm nicht genug beeindruckt davon. »Hier wird der Karren gegen die Wand gefahren!«, sagt er. Ich nicke und kaufe uns zwei Flaschen Efes. Richtung Museumsinsel sitzt in jedem zweiten Ladenlokal ein Galerist in einem grossen weissen Raum, in dem einige Bilder von der Wand in die Leere starren, und versucht seine Langeweile wie Nachdenklichkeit aussehen zu lassen.

Gestern war es warm, heute ist es schon wieder 15 Grad kälter. Die Wärme kommt immer plötzlich, ist da, wenn sie will, nicht dort, wo sie hingehört, und verschwindet sofort, wenn man sich auf sie einlässt. Der Sommer in Berlin ist keine Jahreszeit, sondern eine Sehnsucht. Im Monbijoupark liegen noch die Reste des gestrigen Sonnenscheins. Er hat das gestern alles genau beobachtet: Erst haben sie auf dem Alex in Nutztierkostümen gegen konventionelle Landwirtschaft demonstriert, danach waren sie hier im Park vegetarisch Grillen. Heute sieht man verkohlte Stellen im Gras, dort, wohin sie die restliche Glut kippten. Rundherum liegen leere Tofupackungen verstreut. Das regt ihn auf.

Im Café vor der Grimm-Bibliothek sitzen die Geisteswissenschaftsstudentinnen der Stadt und reden mit ihren besten Freundinnen über den Typ von der letzten Party oder mit ihren Eltern über das nächste Praktikum. Jeder isst irgendein Couscousgericht aus einem Plastikbecher, manche können es schon selber machen, bringen es zu Partys mit und hören »Wow!« aus vollen Mündern, so wie jene, die eigenes Hummus stampfen. Er fragt, ob dieses Couscous jetzt der neue Mettigel ist, das neue Tomate-Mozzarella, die neue Partyspiessigkeit. Wie jeder meint er mit Spiessigkeit immer die anderen. Jedenfalls will er jetzt irgendwas Richtiges essen, mit Fleisch, sagt er, und er hat den Fussweg nur auf sich genommen, weil ich ihm den angeblich besten Döner der Stadt versprochen habe.

Die Nobelgeschäfte an der Friedrichstrasse haben den Kurfürstendamm weitgehend trockengelegt. Dort kaufen nur noch Russen ein. Und wenn man der Friedrichstrasse Richtung Süden folgt, noch ein gutes Stück nach dem Checkpoint Charlie, reisst der Luxus plötzlich ab, von einem Gebäude zum nächsten, eben noch Edeljuwelier, dann schon Sozialkaufhaus, als träte man aus einer Kulisse, sie verlassen nun den Wohlstandssektor, die Simulation endet hier. Er schaut sich entgeistert um, doch sagt, ihn wundere nichts mehr.

Am Mehringdamm löst sich gerade die Demonstration der Kreuzberger Mietgegner auf, gerade rechtzeitig, denn gleich beginnt die Demonstration gegen die Bebauung des Tempelhofer Felds. Er verdreht schon wieder die Augen. Niedrige Mieten für alle, aber keine Neubauten, die mögen sich doch bitte mal entscheiden, was soll es denn sonst noch sein, sagt er, besinnungsloses Grundeinkommen?

Dann deute ich auf Mustafas Gemüsedöner. Da werden wir essen, sage ich. Er lässt seinen Blick einmal die Warteschlange entlangkriechen, an die fünfzig Leute stehen da. Er wirft seine Zigarette mit Wut auf den Boden und tritt drauf, als wollte er sie töten. »Schau Dir die veganen Idioten an«, schreit er, »wollen gar nicht sehen, dass es in der Dönerbude so eng ist, dass das Fett vom Fleischspiess auf ihr Frittiergemüse tropft. So schmeckt es mir auch vegan!«

Er war erst laut, dann plötzlich stumm und schaut jetzt verschämt auf den Boden. Die Wartenden haben kaum aufgeschaut, Verrückte haben sie zu ignorieren gelernt. Wir gehen zu Curry36, da gibt es Essen nach seinem Geschmack und ohne Wartezeit. Er bestellt die Wurst mit Darm und Mayo zu den Pommes. Als ich vom Essen aufschaue, hängt ihm eine halbgerauchte Zigarette zwischen den Lippen. Er schaut ungeduldig auf die Uhr, aber sein Flug geht erst morgen früh.

 

Wiederfinden. – »And the idling, delicate youth / And the welfare and wine in our blood / And the still air and afternoons free / Slipped by suddenly / Stolen by this city.« (Kat Frankie, The Faint –hearted Ones)

Der Streuner mit den Heine-Gedichten schreit in der Polstermöbelkneipe gegen den Beat. Zäher Applaus fängt ihn auf, als mitten in der Loreley seine Stimme abstirbt. Er bietet Grund zu schmunzeln und Münzen zu sammeln. Seinen Heine trägt er weiter von Kneipe zu Kneipe, auch Shakespeare hat er dabei, und ist den Leuten, wenn er vorträgt, eine Freakshow auf hohem Niveau. Und wir greifen zum Glas, wenn er anhebt zum Vortrag, schlürfen den Wein wie die Zeilen und setzen wieder ab, wenn er endet, denn Schweigen ist Trinken, und Getränke sind Worte, die fehlen.

Wenn wir reden, sind die Dinge »total basal«, man hängt rum mit einem »Schwerpunkt auf Forschung oder Lehre«, auf »Kunst« oder auf einem selbst. Allgemein beklagt man sich »auf hohem Niveau«, denn die Freiheit birgt ihre Übel, bis man die Zwanzig verlässt und sich den Zwängen zu stellen hat. Doch man altert erst, wenn jemand nach dem Alter fragt, und zu fragen wagt man nicht. Man sagt nicht, dass man sucht. Das wird vorausgesetzt. Die Unterhaltungen sind routinierte Pausengespräche, da es zur Pause geklingelt hat, vor Jahren schon und noch für Jahre von jetzt. Verdammt noch mal, nie wieder wird es so sehr jetzt sein.

Die Liebe ist locker, als ob man die Zungen wie Lungen zum Atmen braucht. Polyglott ist man, man spricht in fremden Zungen für fremder Länder Zungen Gunst, im Dunst aus fremden Lungen. Und wenn ich als Einziger übrig bin, sitze ich am Rand und tue gelassen, als wollte ich genau dies und drehe mir Zigaretten, aus dem einzig richtigen Tabak, trocken und zusatzstofffrei. Sie trinken und rauchen und rauchen und trinken, versinken und brauchen nicht mehr im Leben als eine schwere Brille, die die Nase niedrig, und eine Frisur, die den Kopf frei hält. Ein Mischmasch von Menschen, geschüttelt, gerührt von dem Mischmasch von Menschen, den Tränen nahe glücklich in der Vielfalt, in der man besonders sein darf. Reif, frei & on fire. Und selten betrübt von der unbeständigen Wetterlage.

Es braucht nur eine unachtsame Bewegung, schon hat man, wie ein Glas Rotwein, Jahre seines Lebens in dieser Stadt verschüttet. Und es liegt kein Sinn darin, der Lache hinterherzulecken. Doch es gibt Musik wie Küchenkrepp, die alles in sich aufsaugt, und die Songwriterin, die wickelt daraus die Blumen des Blues. Mehr als alle anderen ist sie dieser Stadt zum Opfer gefallen. Die Stadt hat die Flanken ihres Kopfes rasiert und ihr dichtes schwarzes Haar den Nacken heruntergeflochten. Die Stadt hat ihr die Jeans bis zum Bauchnabel getrieben und lässt aus ihrem Hosenbund eine weisse Bluse schäumen. Sie ist unsere rechtmässige Vertreterin auf der Bühne, durch ihr Leben legitimiert. Von der Bühne grüsst sie die Stadt. Und jeder im Publikum fühlt sich gemeint.

Die Gefühle des Publikums sind ein dichter Nebel, durchflutet von Licht ständig wechselnder Färbung. Wenn man einen Moment lang versteht und verstanden wird, in einer Menge der gleichfalls Nickenden, dann klinkt sich dieser Moment aus dem fahrplanmässigen Betrieb des Alltags aus und rollt auf ein überwuchertes Gleis, auf dem die Uhr nicht tickt und keine Bestimmungen gelten, wo die Bedeutung tief ist, wo die Ewigkeit ihre Zeit totschlägt.

Jeder weiss: Eines Tages wird das Fashionwheel sich wieder drehen, und Menschen werden durch ihresgleichen ersetzt. Ein Prinz wird kommen und die schöngesichtige Frau von der Brillenbestie befreien. Schnurrbärte werden fallen und geglättete Haare sich wieder kräuseln, die Stoffbeutel werden Aktentaschen weichen, und die Risse in den Strumpfhosen werden geheilt sein. Es kommt die Zeit, da die Hosen der Damen sich wieder weiten werden und die Hemden der Herren sich nicht mehr karieren. So wenig sie jetzt um Mitternacht noch zusammenhält, wo die Menge sich auflöst, raus ins Freie sprudelt und sich in den Vierteln verliert, werden sie doch in zwanzig Jahren die kleine Gemeinschaft bilden, der sie noch etwas bedeuten werden, die Blumen des Blues des heutigen Abends und der Festsaal Kreuzberg, der bald schon abbrennen wird.

Später in den Clubs in den verschwitzten Kellern, wenn sich die Reihen lichten, ist die Einsamkeit Naturgewalt. Ich schaue sie an, und sie schaut auf, wir zucken beide mit den Schultern, verlassen den Club, gehen die Strasse hinunter, denken, jedes Wort könnte verheerend sein, schauen zu den Gaslaternen, mehr Wärme als Licht, und fallen gegen jede grosse Altbautür, bis eine nachgibt. Es ist völlig dunkel im kalten Durchgang zu Treppenhaus und Hinterhof. Der Bodenbeton, von Sohlen und Reifen zu Körnern zerrieben, knirscht, wie wir in einer Ecke zueinander drängen. Der Zeitungsbote sieht es oft, sieht es nicht mehr, stopft die Sonntagszeitung in die Schlitze. Das Blech kratzt Risse in die Titelseiten.

Ich ziehe an der Tür, Morgenlicht fällt ein, ein Schritt hinaus, gähnend fällt sie zu. Nun, da es plötzlich hell ist, merken wir, dass es noch dunkel war, als wir die Augen schlossen. Wir nehmen einander an der Hand, wollen schleunigst gemeinsam wohin: in die U-Bahn-Station, von der wir nach Hause fahren, jeder in seine Richtung.

Aus der U-Bahn gestiegen, mitten in der Stadt, weit weg von zuhause, schon oben beim Licht, stecken meine Gedanken die Hände in die Taschen. Berlin ist am schönsten am frühen Morgen, wenn die Letzten im Bett sind und die Ersten noch nicht aufgestanden, die Stadt wird unbelebt lebendig, Menschen tun ihr nicht gut. Man kann sich glücklich schätzen, den Alexanderplatz einmal ohne Zuckerbuden und Bierstände zu erleben. Die Volksfeste geben sich dort die Klinken in die Schaustellerpranke, weil es so eine erschlossene Ödnis nicht noch einmal gibt im Zentrum Berlins. Doch wenn der Alexanderplatz, wie jetzt, tatsächlich ein Platz ist, so hohl und weit, dass ich in seiner Mitte fast ertrinke, wenn früh am Sonntagmorgen nur leere Flaschen und Fastfoodpackungen an die Menschen erinnern, die Menschheit nur von einem zuckenden Häufchen Penner auf einer Bank vertreten wird und die Wolken, weiss und verschnörkelt wie eine Altbaudecke, so niedrig über dem Platz hängen, dass der Fernsehturm schon an der Kugel endet, dann kann ich mich in genau dieser Leere wiederfinden. Nur die Ruhe ist mir fremd.

In dieser Stadt ist notorisch November, doch zu den üblichen Tageszeiten rauscht zumindest eine schale Dämmerung eilig vorbei. Vom Alex ist es nicht weit in den Prenzlauer Berg. Das Café ist voll. Jeder sitzt an seinem Tisch allein, hält sich an seinen Kaffee, so früh wagt niemand zu frühstücken. Kommt einer durch die Tür, fliesst die Kälte am Boden herein, schwappt bis hoch zu den Knien, doch schnell sinkt ihr Spiegel, sie versickert im warmen Parkett. Es ist dunkel aus Birnen, nicht klar, sondern matt, ein toter Tag, wie sie in Massen im langen November begraben sind. Es riecht nach Kleidern, die vom Rauchen schwer sind, nach trockenem Schweiss, nach abgestandener Feuchte im Mund.

Alle, die hier sitzen, haben die gleiche Nacht hinter sich. Hier drückt man sich vor dem Weg nach Hause. Jeder stimmt ein in das Schweigen. Alles Schauen ist längst zu Starren geronnen. Der Raum ist durchzogen von schnurgeraden Blicken, wie ein Mikadospiel, aus dem kein Stäbchen mehr zu ziehen ist. Unter den Augen tragen sie die Kerben einer kurzen Nacht. Die Zigaretten brennen noch den Hals hinunter. Das Herz zappelt im ausgekratzten Brustkorb. Der Schmerz sitzt mit einem Hammer hinter der Stirn.

Die Bedienung nimmt ein Weissbierglas von der Spüle, stülpt es über die Bürste, die im Spülbecken steht, umfasst es mit der Hand, schrubbt es auf und ab, erst langsam, dann schneller, bis sich oben am Boden des Glases weisser Schaum gebildet hat. Dann taucht sie das Glas ins Becken mit dem kalten Wasser.

Das Hirn liegt schwer im Kopf, wenn man so sehr auf sich verwiesen wird. Ich werde noch bleiben, denn zuhause wird mich alles an mich selbst erinnern. Wenn es draussen dunkel wird und ich beim Blick aus dem Fenster nur noch mein Spiegelbild sehe, gehe ich hinaus, spazieren. Ich schaue mich um nach allem, weil ich nichts Bestimmtes suche. Ich fühle mich zur Langsamkeit gedrängt wie sonst zur Eile. Man muss seine Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist.

Quellen zum Text:

Diese Reportage erschien erstmals im Merkur, Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 2, 68. Jahrgang, Februar 2014, Klett-Cotta.