Figuren des Figurierens

Schon zum vierten Mal tritt Zollfreilager.net in den Dialog mit dem Zürcher Theater Spektakel und bietet mit einer Spezialausgabe ab dem 17. August 2021 einen Resonanzraum für das Festival. Unter dem Titel «Figuren des Figurierens» widmen sich die Beiträge Fragen um Identität, die als ernstes Spiel mit Repräsentation verstanden wird. Was bedeutet es, für jemanden einzustehen oder im Namen anderer zu sprechen? Welche Figuren bespielen unseren Alltag? Welche Rollen spielen wir – wohl oder übel? Diesen Fragen wird in Essays, Interviews, Kommentaren und Bildbeiträgen nachgegangen. Live vor Ort interagiert der «Hochsitz» als Performance-format und Beobachtungsstation mit den Figuren des Spektakels. Dieses Jahr für die Spezialausgabe verantwortlich: Anthonie de Groot, Livia Grossenbacher, Hannah Grüninger, Noëmi Roos, Gianna Rovere, Ava Slappnig und Ruedi Widmer.

Schon zum vierten Mal tritt Zollfreilager.net in den Dialog mit dem Zürcher Theater Spektakel und bietet mit einer Spezialausgabe ab dem 17. August 2021 einen Resonanzraum für das Festival. Unter dem Titel «Figuren des Figurierens» widmen sich die Beiträge Fragen um Identität, die als ernstes Spiel mit Repräsentation verstanden wird. Was bedeutet es, für jemanden einzustehen oder im Namen anderer zu sprechen? Welche Figuren bespielen unseren Alltag? Welche Rollen spielen wir – wohl oder übel? Diesen Fragen wird in Essays, Interviews, Kommentaren und Bildbeiträgen nachgegangen. Live vor Ort interagiert der «Hochsitz» als Performance-format und Beobachtungsstation mit den Figuren des Spektakels. Dieses Jahr für die Spezialausgabe verantwortlich: Anthonie de Groot, Livia Grossenbacher, Hannah Grüninger, Noëmi Roos, Gianna Rovere, Ava Slappnig und Ruedi Widmer.

Hochsitz

vedo dove devo.

von Ava Slappnig (*1995) studiert im Master Kulturpublizistik, grübelt Worte aus ihren Gedanken und formt Beobachetetes zu Sätzen. gepostet am 16. August 2021

Die Aufsichten sind die unsichtbaren Körper im Hintergrund. Sie verschmelzen mit den Mauern des Museums; wachen, wandeln und warten. Man könnte meinen, es sei der langweiligste Job der Welt.

«Taxifahrerin», Dale Forbes Molina

Das Museum ist ein grosser Klotz aus Sandstein und sitzt zwischen der Drogenanlaufstelle und der Kantonspolizei. Einmal die Woche verschluckt er mich durch den Hintereingang. Dann sperre ich meine persönlichen Sachen in den Spind, schnalle mir das Telefon und die Taschenlampe an den Hosenbund, falte den Plastiksack mit dem Desinfektionstuch in die Hosentasche und klicke mir die kleine Metalltafel rechts an die Brust. Kurz vor zehn schwärmen wir aus, um unsere Posten einzunehmen und dezent im Hintergrund zu verschwinden.

Wir Aufsichten sehen alle gleich aus. Es gab eine Phase in meiner Kindheit, da habe ich mir Schuluniformen gewünscht – das hing mit meiner Hogwarts-Obsession zusammen, aber nicht nur. Es war anstrengend, mir täglich Gedanken darüber machen zu müssen, ob der Pullover, der mir gefiel, dem Klassengeschmack entsprach und ob die Jungs merkten, dass ich dasselbe T- Shirt mehr als zwei Tage nacheinander anhatte. Mit einer Uniform hätte ich verschwinden können, wenn es mir danach gewesen wäre. Das gelingt mir jetzt im Museum. Hier verschwindetmein Name, mein Geschmack, meine Individualität – alles, was mich verraten könnte. Seit der Pandemie verschwindet sogar die Hälfte meines Gesichts. Und ich geniesse das. Vielleicht mag ich das vor allem, weil ich eine Frau bin und es satthabe, von (männlichen) Blicken beurteilt und eingeordnet zu werden; das macht der Feministin in mir, die fremdbestimmtes Verstecken blöd findet zwischendurch etwas Angst. Mir geht es wie der Autorin Roxane Gay, wenn sie über das Tragen von Uniformen spricht: der Verlust von sichtbarer Identität gibt mir Sicherheit. Ich werde im Museum zu einer abstrakten Figur, die so selbstverständlich dazugehört, dass sie von den Besucher:innen nicht mehr als Einzelperson, sondern als Teil des Hauses wahrgenommen wird. «Niemand dreht sich nach mir um, als wäre ich unsichtbar» sagt die Aufsicht in Meral Kureyshis Roman Fünf Jahreszeiten.

Wenn ich mich vom Museum verschlucken lasse, gebe ich meinen eigenen Körper ab und schmiege mich an die Mauern, die Regeln, die Geschichte und die Identität des Museums. Ich bin ein eigenschaftsloses Wesen, das dann zur Repräsentantin dieser Institution mitten in der Stadt wird – ich stehe in meiner schwarzen Uniform für das Legat Cornelius Gurlitt, für eine Partnerschaft mit der Credit Suisse, für Wurzeln im 18. Jahrhundert, für den unebenen Terrazzoboden, für das schlechte Licht im Zwischengeschoss, für eine Sammlung von 54’000 Kunstwerken. Ich stehe für die schlechte Beschilderung der Ausstellung. Für das Rucksackverbot, für das Trink- und Essverbot, für das Hundeverbot und das Blitzverbot. Für die Online-Tickets, die noch nicht wirklich klappen. Für den Neubau, der nicht barrierefrei konzipiert wurde. Für die Hygienemassnahmen. Für den schlechten Film im UG alt. Während die Verantwortlichen nur in Ausnahmefällen mit ihrem Publikum konfrontiert werden, ist die Aufsicht immer da und absorbiert im Schwarz ihrer Uniform das gesamte Museum. Ich muss viel schlucken und viel verständnisvoll erklären, wofür ich eigentlich auch keine Erklärung habe.

Das beste an der ganzen Schicht ist der erste Kontrollgang durch die schlafenden Räume, weil es sich so anfühlt, als wäre das Haus noch geschlossen. Es ist ein bisschen wie Nachts im Museum bei Tag. Ich bewege mich durch die Räume und bin das Allereinzige, was sich in den Räumen bewegt, ich fühle die starren Blicke der Gemälde im Nacken. Ein Fremdkörper. Bei diesem Kontrollgang finde ich kleine Veränderungen, die ich meinen Mitarbeiter:innen zuordnen kann. Arsim vergisst manchmal, den Baustrahler zur Seite zu räumen, Karin verknotet die Schnüre um die Vorhänge nicht nur, sondern macht eine Schleife. Ich lese die Veränderungen wie Notizen, die wir uns hinterlassen, wenn wir die Räume wechseln. Wir sind viele, aber wir überschneiden uns nur einmal die Stunde. Dann löst der Haupteingang die Rotation aus; neue Abteilung, neues Telefon, anderer Schlüssel. Seit der Pandemie müssen wir unsere Werkzeuge vor der Übergabe desinfizieren. In den paar Extrasekunden tauschen wir Klatsch gegen Tratsch oder beklagen uns über die lähmende Langeweile. Dann wechseln wir uns aus, ohne dass das die Besucher:innen merken, wir sind alle die Aufsicht.

Es wird wieder still. Ich lausche den Gedanken in meinem Kopf und den Gesprächen der Besucher:innen. Manchmal sind die Storen am Fenster im OG neu oben, wegen dem Wind oder weil sie vergessen gingen. Dann kann ich runter auf den Fluss schauen, der die Farbe wechselt, wenn das Wetter ändert. Am Ende des Raums kichern ein paar Teenies, sie fotografieren hinter den Rücken ihrer Lehrer alle Brüste, an denen sie vorbeikommen. Brüste gibt es hier zuhauf. Ich gehe in meinem unsichtbaren Körper an den nackten, kauernden Frauenskulpturen vorbei, links und rechts von mir ziehen sie sich auf den Leinwänden in den schweren Rähmen aus und räkeln sich auf ihren Betten. Auf der Galerie strecken die drei Nymphen aus Bronze ihre Finger, um sich gegenseitig an die Brustwarzen zu fassen. In der Nacht wird der Mann zwischen den schlafenden Körpern verschreckt, die Schwarze beobachtet mit der Kippe im Mundwinkel nachdenklich die schlafende Weisse. Die Zigarette danach, glaube ich. Das ganze Museum voller Körper, ihren Erschaffern ausgeliefert, den Teenies, mir. Ich mag die Landschaften lieber. Es gibt ein Bild in der Sammlung, ungefähr eineinhalb auf zwei Meter gross, wenn ich das anschaue, höre ich die Blätter rauschen, rieche nasse Erde und spüre ein Ziehen in der Brust. Es heisst Tessiner Landschaft nach einem Gewitter. Wenn mich Mary Poppins an der Hand nehmen würde, um in eines der Bilder zu springen, würde ich dieses auswählen.

An der Fassade des Hauses steht über dem Haupteingang vedo dove devo in Neonröhren, übersetzt: ich sehe, wohin ich muss. Das haben sie hängen lassen nach der Ausstellung von Nakis Panayotidis, sein Anagramm ist jetzt die Begrüssung für alle, die sich etwas Kunst anschauen möchten. Wahrnehmung ist eine Frage des Blickwinkels, jedes Werk sieht von Betrachterin zu Betrachter anders aus – ich denke, das meint er damit. Was ich darin höre, ist die mahnende Stimme des Museums; behalte alle im Blick. Meine Aufgabe ist es, durch die Räume zu wandeln, die Sammlung zu beschützen, die Besucher:innen zu überwachen und den roten Knopf am Telefon zu drücken, wenn’s zu gefährlich wird. Ich hoffe, dass die Frau mit der grossen Tasche meine Zone nicht betritt, damit ich den Hintergrund nicht verlassen muss. Bis Format A4 ist in Ordnung, deshalb ist bei mir A4 immer etwas grösser als in Wirklichkeit. Im Museum soll ich mich an Regeln halten und dafür sorgen, dass sich diese Regeln durchsetzen. In der Uniform ist das einfacher als im echten Leben. Wenn ich auf den Mann mit der Wasserflasche zugehe, mich räuspere und etwas streng schaue, zuckt er zusammen und entschuldigt sich. Es gibt Besucher:innen, die vergessen, dass ich hinter ihnen stehe und sie beobachte. Andere kann ich mit meiner Anwesenheit durch die Räume bewegen und die Geschwindigkeit steuern, mit der sie sich die Bilder anschauen. Ich kann sie so beobachten, dass sie sich beobachtet fühlen und ihren Standort wechseln, um mir zu entkommen. Auch wenn sie mich nicht sehen, wissen sie, dass ich irgendwo bin, deshalb flüstern sie in den hohen Räumen des Neubaus. Sie überschreiten keine Linien am Boden und fassen die Bilder nicht an. Sie sind der Sichtbarkeit unterworfen und sich dessen bewusst, würde Foucault erklären, allein das Wissen, dass sich hier irgendwo eine Aufsicht im Hintergrund aufhält, reicht zur Überwachung. Mit Kindern funktioniert das nicht, die rennen und rufen und singen und lassen sich nicht von mir steuern. Sie diskutieren nicht in gekünsteltem Kunstjargon über die Gemälde: Sie finden ein Bild entweder gut oder scheisse. Wenn Kinder im Haus sind, warnen wir einander jeweils vor. Sie müssen wir im Auge behalten, sie sind besonders gefährlich. Ich mag das, auf einmal ist der Raum so etwas wie eine Abenteuergeschichte.

Je länger ich meinen Körper verschwinden lasse, umso stärker spüre ich ihn. Wenn ich im Raum stehe und aufpasse, bemerke ich die Stelle, wo der Hals in die Schultern kurvt, als erstes. Es ist ein Druck, der sich lindert, wenn ich die Arme nicht hinter dem Rücken, sondern vor der Brust verschränke. Das mache ich nur selten, das ist gegen die Regeln, weil ich dann zu abweisend wirke und zu fest nach Überwachen aussehe. Deshalb wandert der Druck von da nach aussen zu den Schultern, nach hinten zu den Schulterblättern und streicht ganz langsam nach unten, entlang den Aussenseiten meiner Arme und über meinen Rücken. Etwas später kommen die Fusssohlen, die weniger schmerzen, wenn ich mich auf die Ballen stelle. Nur im Museum brauche ich meinen Körper so. Und weil ich all die Zeit habe, darüber nachzudenken, spüre ich ihn hier immer stärker als sonst wo – den Aufsichtskörper. Meinen Aufsichtskörper gibt es, weil er von den Besucher:innen als solcher wahrgenommen wird. Ich muss an die Seminare zu Judith Butler denken und ich glaube jetzt zu verstehen, was sie meint, wenn sie den Körper als einen Effekt diskursiver Praktiken beschreibt.

Wenn für kurze Zeit niemand in meiner Abteilung ist, den oder die ich beobachten kann, darf ich mich auf den schwarzen Klappstuhl setzen und warten. Jemand hat ihn schräg von der Wand abgerückt, damit wir nicht anlehnen, sondern weiterwachen. Mein Körper sackt ein bisschen zusammen. Neben dem Bild gegenüber bewegt sich ein kleiner schwarzer Punkt zuerst Richtung Decke, dann biegt er nach links ab, löst sich und fliegt davon. Die gefangenen Insekten gehören in das seltsame Archiv im Pausenraum, dort hängen sie in Plastiksäcken, angeschrieben mit Fundort und Funddatum. Wir müssen ihre Spuren sichern, damit sie die Bilder nicht fressen. Wenn ich auf dem Klappstuhl sitze und träume, bis mich das Räuspern der Besucherin zurückholt, die wissen will, wie schwer dieser Teppich aus Aluminium ist, der aussieht wie ein gigantisches Kettenhemd, muss ich so tun, als wüsste ich Bescheid. Sonst fliegt mein Versteck auf. Niemand darf die Aufsicht sitzen sehen. Und zugeben, dass sie eigentlich gar nicht weiss, was sie da bewacht, ist auch eher ungünstig. Die Frau macht ein paar Selfies vor dem Teppich, zwei lustige und ein nachdenkliches. Ich frage mich, wer diese Fotos sehen möchte, wie viele Herzen sie dafür kriegt und welche Hashtags sie verwendet. Und ob sie das Gewicht des Teppichs mit in die Beschreibung tippt, 73 kg, meint sie.

Wenn die drei Töne zum ersten Mal durch das Haus jagen, weiss ich, dass ich in einer Viertelstunde draussen bin. Die Stimme in den Lautsprechern verabschiedet sich von den Besucherinnen und den Besuchern und wünscht ihnen einen angenehmen Abend, in drei Sprachen. Langsam tröpfeln sie aus der Abteilung raus, bis sie ganz leer ist. Manchmal lassen sie ihre Parfümgerüche im Raum zurück. Sobald niemand mehr da ist, auch auf den Toiletten und in den abgesperrten Nischen nicht, lösen wir Aufsichten uns von unseren Abteilungen. Wir geben die Werkzeuge ab und holen unsere Sachen aus dem Spind. Das Museum öffnet ein letztes Mal seine schwere Flügeltür, um uns rauszulassen, ein Schwarm schwarzer Fliegen. Wir streben auseinander, werfen die Jacken über und nehmen Farbe an.

#FA5882