Hochsitz

Über das Besser- und Schlechtergestelltsein von Menschen, und wie wir darüber sprechen. Ein Disput.

von Trading Identities Redaktion gepostet am 18. August 2020
  • Illustration: Delia Hess & Anja Sidler

Was bedeutet es, und wie ist damit (im Sprechen, im Handeln, im Sprech-Handeln) umzugehen, wenn Individuen aufgrund von Merkmalen, die sie nicht beeinflussen können, besser oder schlechter gestellt sind?

Ruedi Widmer: Wir, Pascale Gähler, Gianna Rovere, Jörg Scheller und Ruedi Widmer kommen hier zusammen, um schreibenderweise ein Gespräch zu führen. Den Kontext würde ich so beschreiben: Die Selbstverständlichkeit, mit der wir zur Kenntnis nehmen, dass Individuen aufgrund von Merkmalen, die sie nicht beeinflussen können, besser oder schlechter gestellt sind, hat abgenommen. Es geht dabei etwa um die Gleichstellung der Geschlechter, von Schwarz und Weiss, von Inländer*innen und Ausländer*innen. Im Zentrum der Debatte steht eine Idee, die kaum jemand ernsthaft in Frage stellen würde: Jedes Individuum soll, wenn überhaupt, aufgrund seines konkreten Lebens und Verhaltens, seiner individuellen Bildung, seiner Talente usw. bewertet werden, nicht aber aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe, seines Namens oder seines Aussehens. Die Wirklichkeit ist anders: Gruppen und Gruppenwahrnehmungen stehen einander gegenüber und tendieren dazu, Fronten zu bilden. Nicht nur erleben beispielsweise people of color immer schon, dass sie offenbar etwas dazu sagen müssen, «woher sie kommen»; und reagieren darauf mit dem Postulat, bestimmte Respektsregeln in der Wahrnehmung von «Anderen» einzuhalten (vgl. z.B. den Essay von Pascale Gähler oder das Interview mit Fatima Moumouni in der vorliegenden ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen.-Spezialausgabe). Auch Gruppen, die man als Bessergestellte beschreiben könnte, sehen sich, wie Jörg Scheller in seinem Text «Die falsche Anklage» (ZEIT vom 1. Juli), aufgefordert, etwas zu ihrer privilegierten Stellung, in diesem Fall als weisser Mann, zu sagen; Jörg reagiert darauf, wenn ich ihn richtig verstehe, mit dem Postulat, den Begriff Privileg korrekt und nicht als «Keule» zu verwenden. Es geht also, wie ich es formulieren würde, um die Frage eines «gleichgestellten» Redens und Verhaltens in einer «nichtgleichgestellten» Realität. Pascale, wie hast du Jörgs Text gelesen? Wo kannst du ihm folgen, und wo nicht?

 

Pascale Gähler: Der polemische Charakter von Jörgs Text verwundert nicht, er ist Ausdruck eines postkolonialen Paradigmas. Ich möchte an dieser Stelle weder auf die gewählten und teilweise stark stereotypisierten Beispiele beziehungsweise Akteure noch auf die Kritik der erwähnten Wissenstheorien näher eingehen. Das Phänomen «white fragility» ist das Ergebnis der Konfrontation mit white privilege. Es scheint mir wichtig, dieses Muster an dieser Stelle zu beleuchten, um diesen Aspekt in der hier kontrovers diskutierte Auseinandersetzung mit Privilegien einfliessen zu lassen.

Für die meisten weissen Menschen ist es unüblich, sich mit der eigenen Hautfarbe zu befassen und rassifiziert zu werden. Die Thematik von white privilege konfrontiert, hinterfragt und kritisiert sie. Der Diskurs um die vermeintliche «Rasse», die eigenen Privilegien und das Attribut der Sozialisation, die auf rassistischen Strukturen beruht, ist für etliche weisse Personen unangenehm oder wird gar zu einer Trigger-Situation. Das Ergebnis: Ausweichen, Relativieren oder Beenden des Dialogs; oder er wird mit überreichlicher Emotionalität geführt. Bei Letzterem werden die Argumente teils akkurat bis wütend angefochten sowie darauf gekontert und es wird versucht, die vermeintlich erarbeiteten Privilegien zu rechtfertigen. Die Muster von white fragility sind als solche zu erkennen, wenn das Weisssein als zugeschriebene Lebensrealität, als Status, als festgeschriebene Norm sowie als Leitkultur verstanden wird, die sich übergeordnet verhält und und dabei nicht in Frage gestellt wird.

Die Grundlage für eine Diskussion ist die Prämisse, dass es sich bei weissen Privilegien weder um Einzelbiografien und ihre Leistungsnachweise noch um eine Meinungsfrage handelt, sondern um ein globales System, das vor Jahrhunderten Rassen konstruierte und hierarchisierte ,welche in postkoloniale Strukturen und Perspektiven überführt wurden. Dass weisse Menschen dies immer wieder anfechten, Gegenargumentationen anführen oder auf andere Missstände hinweisen, stellt mich vor die Frage, des «Wann»:

  • Wann erhalten Betroffene – die nicht über weisse Privilegien verfügen – die Plattform? 
  • Wann beginnt die Anerkennung der Missstände?
  • Wann übernimmt die Gesellschaft die Verantwortung und beginnt, diskriminierungskritisch zu denken, zu handeln und zu sprechen? 

 

Jörg Scheller:  Kein Mensch ist ein Paradigma und wenn wir auch alle Teil von Strukturen sind, so sind wir doch nicht die Struktur. Statistiken erfassen Realitäten, die nicht Statistiken sind. Wenn ein 20jähriger an Krebs stirbt, wird er sich nicht der Tatsache erfreuen, dass 20jährige so gut wie nie an Krebs sterben… Wollen wir also die Fehler der Vergangenheit wiederholen, den Rassifizierungswahn fortsetzen? Wollen wir kollektivsinguläre Zuschreibungen und Abstraktionen oder präzise Erfassung konkreter Wirklichkeiten? Hier setzt meine Kritik an der Rede von «Privilegien» an, die ich womöglich nicht als «Gruppe» verfasst habe. Der ZEIT-Essay fokussiert auf zweierlei: gegenwärtige Pragmatik der Rede, historische Semantik des Begriffs. Er handelt vom sozialen Gebrauch eines Begriffs in der Medienöffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien; eben vom «Privileg» als Kulturkampfvokabel, von der neuerlichen Konstruktion angeblich homogener Gruppen vermittels Hautfarbe.

Die These, dass Weisse per se privilegiert seien, wurde von ihrem eigenen Selbstverständnis nach privilegierten Weissen wie Peggy McIntosh ersonnen – nicht von der polnischen Haushaltshilfe oder dem Meat Packer aus Chicago. Schloss da vielleicht jemand von seinem eigenen Status auf andere? White is not white. Black is not black. Wer immer sagt: Sie ist schwarz, also!, Er ist weiss, also! Sie sind Frauen, also!, irrt. Über wen sprechen wir? Killer Mike? Thomas Sowell? Zuby? Ayisha Atakanbi? Alice Schwarzer? Marine le Pen? DJ Bobo? Bernie Sanders? Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, der einfach «schwarz» war. Noch nie einem Menschen, der einfach «weiss» war. Ich bin immer Farbverläufen, Mosaiken, Collagen, Assemblagen, kurz: Hybriden begegnet. Stuart Hall lässt grüssen.

Deshalb gilt für mich die antirassistische Grundregel: Identifiziere niemals Einzelne aufgrund einzelner Merkmale mit Gruppenkonstrukten, schon gar nicht aufgrund nicht-selbstgewählter Merkmale. Heute vernimmt man gar akademisch sozialisierte, sich selbst als kritisch-progressiv verstehende Stimmen, die ex cathedra verkünden, Juden seien «nicht weiss» – grotesk! So haben einst die Nazis argumentiert! Was soll all diese Menschensortiererei, Menschenetikettiererei, Menschenklassifiziererei? Präskriptiv , also normativ gebrauchte, Menschen klassifizierende Kategorien wie «schwarz» und «weiss» sind von einer derartigen Grausamkeit gegenüber dem Reichtum, der Komplexität und dem Eigensinn unserer Wirklichkeit, dass sie bei mir, mit Czesław Miłosz gesprochen, zu einer «revolt of the stomach» führen. Das hat nichts mit Sich-irgendwelchen-Realitäten-verschliessen zu tun, sondern mit der Weigerung, den Irrsinn der diesen Realitäten zugrunde liegenden Ideologien fortzusetzen, sich gleichsam dem Gegner anzuverwandeln, und sei es in der gut gemeinten Kritik.

 

Gianna Rovere: Manchmal muss etwas geschrien werden, um lauter als das beständige Rauschen des Alltags und der Norm zu sein. Ein Schrei, der von ganz hinten kommt, so dass es unangenehm in der Gurgel kratzt. Auch ein Schrei, von dem die meisten zuerst vielleicht nur den Laut am Ende verstehen, der sie aufhorchen lässt. White privilege?! Mir persönlich ist gerade nicht zum Schreien. Auch muss ich nicht Luft holen, oder mich räuspern, um die lang ausstehende, überraschend erlangte Aufmerksamkeit auszunutzen und zum Diskurs auszuholen. Nach dem Klimawandel und Sexismus ist nun der Rassismus an der Reihe, auf die Bühne zu treten und sich Gehör zu verschaffen. Meine Verunsicherung und Wut auf die systemische Diskriminierung in der Gesellschaft steigt und hat mir schlussendlich die Sprache verschlagen. Aber das ist keine Entschuldigung; in meinem Kopf rattert es. Wieviel darf ich, wie viel muss ich und wieviel kann ich überhaupt zum Thema Rassismus sagen? Ich überdenke Szenen und Erlebnisse in meiner Biografie und hinterfrage mein Handeln, meine Erziehung, meine Bildung, mein Alltag. Ich habe Angst, dass meine Stimme nur ein weiteres angekratztes Gutmenschego vertritt, und eine der Plattformen besetzt, die People of Color in diesem Disput zustehen würde. Ist das der Moment, einen Schritt zurückzutreten? Aber ich glaube auch, dass es uns alle braucht, um Gleichberechtigung von Menschen anzustreben. Ja, ich werde hier etwas emotional.

Wohler ist mir beim Zuhören: Tupoka Ogette, Fatima Moumouni, Anja Glover und Natasha A. Kelly, Achille Mbembe, Toni Morrison, Reni Eddo-Lodge und auch Peggy McIntosh. Ich versuche zu lernen und mich selbst zum Denken über Hautfarbe, Privilegien, Stimmen, Individuen, Vorbilder und Vorurteile zu befragen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn meine Hautfarbe in meinem Alltag die «Andere» darstellen würde. Die, die nicht der Norm entspricht und die, die weniger toleriert würde. Und schon trete ich ins Fettnäpfchen, wenn ich bei Laktoseintoleranz lande. Wow… Denn im Sommer von meiner Verwandtschaft als «Mozzarella» bezeichnet zu werden, ist die einzige negative Erfahrung, die ich aufgrund meiner Hautfarbe bisher gemacht habe. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht ungerne in meiner Blase der Unwissenheit gesuhlt habe. Blaue oder rote Pille? Ich wähle momentan (noch) violett.

Ich merke, dass ich es schwierig finde, über einen konkreten Fall oder Individuum hinaus Privilegien an der Hautfarbe festzumachen. Sprache, Geld, Religion, Geschlecht tragen auch zum «Status» einer Person in ihrer Gesellschaft und Umgebung bei. Aber was passiert, wenn die Norm der «privilegierten» Menschen weiss, christlich, männlich und gutverdienend ist? Was passiert, wenn Hautfarbe vor wenigen Jahrzehnten eine klare Rolle gespielt hat und diese rassenhygienischen Altlasten noch in unseren Köpfen unterbewusst oder auch bewusst herumgeistern? Wenn Kindern Geschichten erzählt und Süssigkeiten in die Hand gedrückt werden, an denen diese Rassifizierung noch klebt? Ja, ich stimme Jörg Scheller zu: «Was soll all diese Menschensortiererei, Menschenetikettiererei, Menschenklassifiziererei?», aber wir dürfen diese Praktiken auf keinen Fall blind fuchtelnd von uns weisen! Sondern müssen ihre Existenz und ihre Resultate (an)erkennen und gemeinsam dafür sorgen, dass sie aus unserem Alltag und vor allem aus unseren Köpfen verschwinden. Und dafür müssen wir uns alle der Aufarbeitung stellen und einen lange ausstehenden, unangenehmen gesellschaftlichen Diskurs führen. Wir müssen beginnen, zuzuhören, uns grün und blau zu ärgern, zuzustimmen, zu verdauen, viele Fragen zu stellen und zu erkennen, dass es nicht ums Abbauen sondern Ausbauen von Privilegien geht. Gleichstellung von heute auf morgen ist utopisch. Aber ein Herangehen an die Schaltzentrale der Macht und ein Platzschaffen ist nicht unmöglich, bloss eine Frage der Bequemlichkeit.

 

Ruedi Widmer: Gemäss unserer Vorvereinbarung folgt jetzt nach dieser ersten Runde eine zweite, abschliessende. In der ersten Runde äusserte Jörg das “Gebot” (wie ich es nennen würde): «Identifiziere niemals Einzelne aufgrund einzelner Merkmale mit Gruppenkonstrukten, schon gar nicht aufgrund nicht-selbstgewählter Merkmale.» In gleicher Denkrichtung schreibt Jörg, dass Kategorien wie «schwarz» und «weiss», wenn sie präskriptiv gebraucht werden, bei ihm zu einem «revolt of the stomach führen».  Meine Frage an Jörg: Du kämpfst, wenn ich es richtig verstehe, gegen eine Form bzw. Logik des Sprachgebrauchs bzw. des «Sprech-Handelns». Glaubst Du wirklich, dass das Problem der Diskriminierung, wie es von Pascale, Gianna und den von ihnen zitierten Autor*innen in je eigener Weise gesehen und beschrieben wird, allein durch Regeln des Sprachgebrauchs behoben werden kann? Glaubst du allenfalls, dass es das Problem so gar nicht gibt? Oder dass die Beschreibungen von Pascale und Gianna Teil davon sind?

 

 

Jörg Scheller: Über den Input von Gianna habe ich mich sehr gefreut. Das ist genau die fragende, suchende, zweifelnde, die eigene Verletzlichkeit betonende Mentalität, der ich michverbunden fühle. Darüber habe ich z.B. in diesem Essay geschrieben. Differenzieren würde ich noch zwischen Norm und Normalität. Um Ruedis Fragen zu beantworten: Mein ZEIT-Essay handelt von einem spezifischen Problem, nicht von allen möglichen. Er stellt weder Rassismus in Abrede noch behauptet er, dass Probleme «allein durch Regeln des Sprachgebrauchs behoben werden» können. Das wäre eine Unterstellung – wollte ich das sagen, würde ich es so sagen. Ich argumentiere, dass eine bestimmte Form von Sprach-Handlung irreführend und unredlich ist. Dass sie Probleme verstärkt, die sie zu lösen vorgibt. An keiner Stelle argumentiere ich, es gäbe keine Probleme. Ich publiziere seit mehr als 20 Jahren, mittlerweile dürften es weit über 2000 Artikel sein. Ich habe früh vor Intellektualisierung und Normalisierung der rechten Szene gewarnt, habe scharfe Polemiken über die AfD publiziert, habe klischeehafte Darstellungen von Frauen in Kinofilmen kritisiert, habe für «Fairness in der Vielfalt» anstelle von Leitkultur plädiert, usw. usf. Ich kritisiere aber auch Linksradikale und -extreme sowie selbstgerechte Progressive, was an Kunsthochschulen nicht gerade alltäglich ist. Diese Kon-Texte gilt es mitzubedenken. Generell verwehre ich mich gegen Kollektivierung, Identitarisierung, Sippenhaft und Projektionen akademischer Theorien auf konkrete, lebendige Menschen – oder gegen die Hypostasierung von Statistiken. Dabei dürfte so manches, was ich publiziert habe, durchaus auch Pascales Haltung entsprechen, etwa dieses Statement.

Als Historiker bin ich Skeptiker. Die Christen begannen als Hippie-Sekte, dann beerbten sie die Päpste in Rom. Die Kommunisten waren Gerechtigkeitsapostel, dann kam der Gulag. Machtlose von heute können Mächtige von morgen sein. Kritik ist gerade im Frühstadium progressiver Bewegungen notwendig, um die blinden Flecken, die jede aktivistische Logik haben muss, um handlungsfähig zu bleiben, aufzuzeigen. Das ist für mich der Job von Intellektuellen, genauer: Inter-Lektuellen. Wir positionieren uns als Bürger, Wähler, Aktivisten, Konsumenten, aber als Interlektuelle bewegen wir uns zwischen Fronten, Ideologien, Haltungen. Dabei stecken wir Schläge von allen Seiten ein – ich werde von Rechten als Linker, von Linken als Rechtenversteher, von Liberalen als etatistisch bezeichnet. Leslie F. Fiedler hat treffend geschrieben: «The intellectual is the permanent revolutionist of the spirit; even as he straddles one barricade, the red flag in his hand, he is dreaming of the next, when he will raise the black. And worse than that, he is already in his  mind writing the book that will reveal just how absurd he and his comrades looked waving the red flag or the black.» Was wir unbedingt vermeiden sollten, ist die Logik des Generalverdachts: Wenn Person X uns nicht zustimmt, dann pflichtet sie dem Gegner bei! Wenn jemand skeptisch ist, ist er Konterrevolutionär! Nein, in einer Zeit sich verhärtender Identitäten brauchen wir eine Transversalität des Denkens und Fühlens sowie breite zivilgesellschaftliche Netzwerke, die echte Diversität, echte Differenz zulassen. Die abstrakten Ismen, die sich zum Denken verhalten wie der Tunnel zur Strasse, feiern fröhlich Urständ. Dagegen schreibe ich an – aber so präzise auf den Punkt wie Ice-T in «No Lives Matter» habe ich meine Sicht wohl nie gebracht. Dieser Song ist für mich mehr wert als drei Laufmeter akademischer Dünkelprosa.

Zum Thema meines ZEIT-Artikels noch dies: Dass es sich bei den, sagen wir, Restbeständen asymmetrischer Machtverhältnisse in liberalen Demokratien tatsächlich um «Privilegien» handele, würde ich weiterhin verneinen. Ähnlich wie im gerne mal gebrauchten Begriff «Deutungshoheit», der prämoderne, prädemokratische, illiberale Zustände konnotiert, werden im Begriff «Privileg» genau diese Kontexte aufgerufen. Sprich, wenn jemand sagt: Weisse (in Mitteleuropa vielleicht wenig überraschend…) Männer haben noch immer die meisten (offiziellen) Machtpositionen inne, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Das ist schlicht richtig. Wer dann fragt, wie sich das ändern lässt, oder vorschlägt, dass man die Machtposition als solche hinterfragen müsste, anstatt zu versuchen, ALLE Menschen in selbigen Positionen zu repräsentieren (was eher meine Position wäre), dann ist das konstruktiv, produktiv, emanzipatorisch, begrüssenswert. Wer sich aber anschickt, im progressivistischen Überschwang aufs Neue Gruppen zu essenzialisieren, Statistiken auf Einzelne zu projizieren bzw. sie mit ihnen zu identifizieren und kulturkämpferische Begriffe in vorgeblich analytischer Absicht präskriptiv zu gebrauchen, der verdient Kritik. Dass schliesslich die Machtlosen von heute die Mächtigen von morgen sein können, ist eigentlich eine Banalität, eine Binse – die Geschichte zeigt uns genau das, das ist Empirie. Ob die Christen oder der einst der Aristokratie untergeordnete Stand der Bürger, ob körperlich Unterlegene, die heute in der Kreativwirtschaft reüssieren und in der Vormoderne die schlechteren Karten gehabt hätten – wir leben im Offenen, Geschichte ist dynamisch und kontingent. Meine Haltung ist, dass Kritik immer und überall im Frühstadium einsetzen muss – nicht erst dann, wenn es zu spät ist. Das gilt auch für die Herstellung von Gerechtigkeit in Gesellschaften: Aus einer liberalen Perspektive müssen geburtslotteriebedingte Ungerechtigkeiten durch die Politik FRÜH ausgeglichen werden, damit sich der Staat später zurückziehen und Menschen Verantwortung in Freiheit ausüben lassen kann – anstatt irgendwann hektisch Diversity-Programme aufzulegen, die im schlimmsten Fall zur besagten Menschensortiererei und Etikettiererei und Identifiziererei führen…

 

Gianna Rovere: Ich habe nicht daran gezweifelt, dass Jörg ein Problem erkennt und stimmte zu, dass «eine bestimmte Form von Sprach-Handlung», die eigentlich als Lösung gedacht wäre, das angesprochene Problem verstärken kann. Aber seine abwehrende Haltung macht mich doch etwas stutzig. Deswegen würde ich gerne nochmals zurück auf die Frage nach der Existenz, der Verhandlung und dem Ursprung von white privileges zurückkommen. Auch Ice-T’s Lyrics gibt mir da keine vollends zufriedenstellende Antwort.

Jung und blauäugig mache ich mich oft als Optimistin angreifbar. Aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn es mich dafür an eine Zukunft glauben lässt, in der ich leben möchte. Daher bleibe ich an einer Aussage hängen, die mir in diesem Bezug besonders interessant erscheint: «Machtlose von heute können Mächtige von morgen sein» – stimmt das wirklich? Ich möchte gerne einen kleinen Exkurs in den Sex-ismus machen, denn diese Frage hat mich bereits in Zusammenhang mit der – meiner Meinung nach dringend nötigen – Revision des Schweizer Sexualstrafrecht beschäftigt: Sagen wir, Opfer haben neu vor dem Gesetz nicht mehr tendenziell unrecht und müssen sich nicht länger wegen Kleidung, Alkoholkonsum, natürlicher Schockstarre etc. rechtfertigen – macht sie das nun mächtiger als Täter*innen? Ist die Unschuldsvermutung in Gefahr, wenn Grenzüberschreitungen bestraft werden, die vorher toleriert wurden? Ist das ein solcher erwähnter blinder Fleck?

Ich komme nicht umhin mich zu fragen, in welcher Realität wir leben wollen und frage mich, ob der Ursprung des aktuellen Aufschreis und das Aufwecken einiger bisher tief schlafenden Menschengruppen eine Folge der weltumschlingenden Globalisierung ist, die von Bruno Latour in «Das terrestrische Manifest» als «Schwindelerregende Explosion der Ungleichheiten» beschrieben wird? Kolonisierung als ein Symptom werde jetzt, wo langsam klar wird, dass es auf unserer Erde einen allgemeinen Mangel an teilbarem Platz gibt, zu einer Ursache für grosse Panik; wobei die Kolonisierer*innen etwas panischer seien als andere. Denn «eine von anderswoher kommende Macht nimmt Ihnen Ihr Territorium und sie können nichts dagegen tun» – kommt mir irgendwie bekannt vor. Willkommen im Club! Auf der Suche nach einem Ausweg in Form eines Territoriums für uns selbst und für unsere Nachkommenden müssen wir uns die Frage stellen, welche Abschnitte noch bewohnbar, welche für immer verloren sind und auch, mit wem wir sie teilen wollen. Keine einfache Aufgabe – wer darf, wer muss entscheiden? Wie viel Diversität würde gewagt? Ich komme auf keine Antwort und möchte mit einem Zitat aus Donna Haraways «Unruhig bleiben» schliessen, das mir gerade vielleicht genauso Mut macht, einen Konsens zu finden, wie Ice-T Jörg Scheller: «Es ist von Gewicht, mit welchen Anliegen wir andere Anliegen denken. Es ist von Gewicht, mit welchen Erzählungen wir andere Erzählungen erzählen. Es ist von Gewicht, welche Knoten Knoten knoten, welche Gedanken Gedanken denken, welche Beschreibungen Beschreibungen beschreiben, welche Verbindungen Verbindungen verbinden. Es ist von Gewicht, welche Geschichten Welten machen und welche Welten Geschichten machen.»

Pascale Gähler: Auf die Bewegung blacklivesmatter reagieren viele mit alllivesmatter, Ice-T sogar mit dem Song «no lives matter», wie Jörg Scheller in der Debatte hervorhebt. Doch hilft die simple Weigerung; den Irrsinn der Klassifizierung fortzusetzen wirklich, und sind Sprachhandlungen, die im emanzipatorischen Sinn ebenfalls klassifizieren, sowieso Problemverstärker, wie Jörg Scheller offenbar meint?

Mit Vehemenz plädiere ich für ein Zugeständnis, dass das Abweichen vom diskriminierenden Narrativ mit permanenter Marginalisierung einhergeht. Das Benennen von Diskriminierung und Ausgrenzung sowie von Privilegien scheint mir in der Folge weniger eine Zementierung von Problemen oder Gruppen zu riskieren, sondern vielmehr eine Chance zur Wahrnehmungsmodifikation zu bieten. Wenn die Grundlagen für gleiche Voraussetzungen nicht gegeben sind, ist dann das ausschliessliche Betrachten des Einzelnen nicht auch idealisierend, da ja der Blick nicht bis zum Systemischen reicht? «Jeder ist seines Glückes Schmied» erscheint mir allzu trivial, lässt diese Auffassung doch das Machtgefälle aussen vor.

Selbstbenennungspraxen von PoC und Schwarzen Menschen mit «sichtlicher» Hautfarbenanalyse zu begegnen – kommt dies nicht einer Deutungshoheit der Leitkultur gleich? Ich denke, Betroffene haben das sprachlich markierende Selbstbestimmungsrecht über sich selbst, denn gemeinsame Verwundbarkeitserfahrungen aufgrund von Diskriminierungen und rassistischen Strukturen führen zu dem selbstermächtigenden Bezeichnungsversuch People of Color, der keineswegs eine homogene Gruppe darstellt. White privilege und white fragiliy zeigen auf, dass Menschen, die der Leitkultur angehören, diese eben beschriebene Lebensrealität nicht teilen. Dies soll nicht bedeuten, dass weisse Menschen nicht auch stigmatisiert oder benachteiligt werden können; sich seiner Privilegien bewusst zu werden, heisst nicht, dass man sie verliert oder abgeben muss – man wird nur der Ungleichbehandlung anderer Marginalisierter gewahr. Kann das Nicht-Anerkennen von white privilege und white fragility nicht auch als weisse Identitätspolitik gedeutet werden? Lässt die Aussage «ich sehe keine Hautfarben» nicht ebenfalls ein Privileg vermuten? Wer keine Hautfarben sieht, unterstützt auch andere nicht, wenn sie wegen ihrer Hautfarben diskriminiert werden. So lange das der Fall ist, herrschen Privilegien – ob man sie wahrhaben will oder nicht. Und eine «Privilegien-Keule» ist erst eine Keule, wenn sie so bezeichnet wird. Bevor dies geschieht, darf unterstellt werden, dass es um das Aufzeigen von strukturellen Missständen in der Gesellschaft geht.

Als Mensch mit Rassifizierungserfahrung bin ich eine grosse Verfechterin von Klassifizierung und Stereotypisierung. Es ist nur die Frage, wie man diese in Richtung mehr Gerechtigkeit handhabt. Nicht zu benennen, dass ich ungleich gemacht wurde durch ein System und tiefverankerte (teilweise subtile) koloniale Sicht- und Verhaltensweisen, scheint mir irreführend. Und dort teile ich Giannas Anliegen des Zuhörens und des Anerkennens. Dazu gehört auch das Verstehen der Vergangenheit, aus der heraus wir kommen. Diese würde erstmals die Anerkennung des Missstandes, aufgrund nicht selbstgewählter Merkmale als minderwertige Identität wahrgenommen geworden zu sein  und teilweise immer noch wahrgenommen zu werden bedingen und dies ohne wenn und aber ohne Opfer, ohne Täter, ohne Gutmenschen und ihren Philosophien und ohne Schlechtmenschen mit bösen Absichten, damit teilweise gar traumatisierende Erlebnisse und Erfahrungen Heilung erfahren können. Bis zur völligen Erschöpfung bleibt die Auseinandersetzung mit Rassismus ungemütlich und unvermeidbar.

Chancengleichheit bedingt ein Herstellen von gleichen Lebenschancen. Dazu braucht es einen Paradigmenwechsel, eine Emanzipation und ein Loslösen von kolonialen Strukturen. Für ein Leben in Diversität scheint mir die Sichtbarkeit und die Repräsentation besonders bedeutsam. Denn Kinder sowie Erwachsene brauchen Referenzen. Doch bis dahin ist es vermutlich noch ein langer Weg. Nicht selbst gewählte Merkmale von Individuen verlieren an Bedeutung, und Segmentierungen weichen, wenn Realitäten vielfältiger werden.

 

Der vorliegende Text entstand als geplanter Briefwechsel zwischen dem 4. und dem 10. August 2020. Kontext war die durch den Tod von George Floyd ausgelöste bzw. intensivierte Rassismusdebatte u.a. auch in der Schweiz, konkreter Anlass der Text «Die falsche Anklage» von Jörg Scheller, der in der ZEIT vom 1. Juli 2020 erschien.

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