Tschechische Verhältnisse. Mark Divos Erfahrungen in der Kunstmarkt-Peripherie

von Ruedi Widmer Ruedi Widmer, *1959, ist Kulturwissenschaftler und Kulturpublizist. Er leitet den Master Kulturpublizistik an der ZHdK und ist verantwortlich für die Plattform Kulturpublizistik. gepostet am 12. Oktober 2014
  • Divo-Institut in Kolin bei Prag

„In Prag fehlt eine Sammlerszene, deshalb ist die Kunstszene nicht so geldorientiert wie in Zürich. Es geht nicht wirklich um etwas. Was nicht heisst, dass es keine Rivalitäten und Intrigen gäbe. Statt um Geld geht es um Ehre. Um diese zu erlangen, organisiert man sich in Seilschaften. Auch die Kuratoren, von denen einige aus dem Osten kommen, machen ihre Karriere in der Regel via Seilschaft. Der einzige Ort, an dem es wirklich etwas zu holen gilt, ist das Ausland. Wenn du erst einmal an der Biennale von Venedig bist, findet sich immer ein Sammler, der dir etwas abkauft. Um dahin zu kommen, muss man sich an den Akademien positionieren, denn die sind international vernetzt.

Ein wichtiger Akteur in allen postsowjetischen Ländern ist die Norvegian Culture Foundation. Auch Goethe-Institute gibt es in diesen Ländern, zum Beispiel auch in Prag, aber die Norvegian Culture Foundation hat viel mehr Geld. Diese Institutionen machen auf ihre Weise Kulturpolitik in diesen Ländern. Es gibt auch die Erste Bank, die hier in Tschechien in Kunst investiert, u.a. weil hier die Kunst fast umsonst zu haben ist, die Chance auf Wertsteigerung ist dann umso höher. Es ist interessant zu sehen, wie diese Experten, in diesem Fall aus Wien, in Tschechien die Art Kunst auswählen, die bei ihnen zuhause gerade angesagt ist. Kürzlich gab es allerdings bei der Ersten Bank geschäftliche Schwierigkeiten, da haben sie die Hälfte ihrer Sammlung verkauft.

Es gibt auch den Osterweiterungskredit der Schweiz. Solches Geld fliesst, würde ich jedenfalls schätzen, oft auch in die Taschen der Politiker. Tschechiens Politik ist allgemein sehr korrupt. Das Politikverständnis ist so, dass man in einer Amtszeit von zum Beispiel vier Jahren seine Taschen füllt, ohne erwischt zu werden. Aber es werden auch immer wieder welche dabei erwischt und landen dann im Gefängnis.

Da es keinen Markt gibt, produzieren die Künstler anders, die Produktion ist von daher interessanter. Man fragt nicht, wie man unterkommt, sondern eher: How do I get away with it? Die minimale Anstrengung mit dem maximalen Effekt. Hungerkünstler sind es aber nicht. Der Bezug zu Franz Kafka liegt eher darin, dass fast alle auch noch für Geld arbeiten, etwa als Besitzer einer Werbebude. Die Gesellschaft als ganze ist sehr stark noch von den Zeiten von Kafka und noch früher geprägt. Vieles hat zu tun mit dem Ancien Régime, Old School, die guten alten Zeiten. Zum Beispiel ist der weitaus beliebteste Politiker der Fürst zu Schwarzenberg, ein Liberaler und alter Weggefährte von Havel, vor allem aber ein Adliger. Eigentlich ist Schwarzenberg die perfekte Synthese zwischen einem Aristokrat und einem Bohémien. Sein Adelsgeschlecht kommt auch aus Böhmen. Wenn man um Mitternacht ins Mlin bei Kampa geht, ist die Chance sehr gross, dass man ihn dort antrifft.

Man stelle sich vor, in Zürich hätte man den Sprüngli nicht. Weil diese Art von Tradition durch die Sowjetzeit und die Zwangskollektivierungen abgeschnitten wurde, haben es viele Tschechen bis heute gerne zentralistisch. Wenn sie das Ancien Régime nicht zurückhaben können, dann wollen sie wenigstens seine Symbole und Zeichen sehen. Zuhause haben die meisten IKEA. Wobei man sich aber kaum je zuhause besucht. Das Wohnzimmer der Prager ist wie zu Kafkas Zeiten die Hospoda, was man auf Deutsch mit Wirtschaft übersetzen würde.

Ich selber bin eher ein Stubenhocker, ich baue mir Intérieurs, mit gefakter Patina und allem. Ich habe in der Prager Peripherie die Villa, in der ich immer wieder Projekte mache. Dann habe ich die Sechszimmerwohnung am Wenzelsplatz, wo ich wohne und Events mache, wo ich einen White Cube hatte, auch eine bewohnte Skulptur. Problematisch an der Location ist nur, dass sie komplett illegal ist. Würde man die Veranstaltungen öffentlich machen, käme man in Teufels Küche. Deshalb habe ich nun alles in den Laden verlegt, den ich kürzlich angemietet habe. Er heisst The Solution. Das ist zwar auch illegal, aber gut sichtbar. Dort mache ich auch ein Therapieformat bzw. eine Religion, genannt cult of reason and money. Mit der von mir erfundenen Holzhammermethode führe ich die Leute weg vom Habenmüssen, hin zum spirituellen Kommunismus, dem Kommunismus des Herzens und der Seele. Sie lernen, damit umzugehen, dass man heute brutal Erfolg haben und morgen brutal scheitern kann.“

Quellen zum Text:

Mark Divo, Künstler, Netzwerker und Kurator sowie Besetzer und Besiedler von Gebäuden und Denkräumen, lebt und arbeitet hauptsächlich in Prag. Für 2015 plant er eine Ausstellung mit tschechischen Künstlern, die im z.Z. nicht genutzten Kantonsspital Zug stattfinden wird.

 

Das Gespräch von Mark Divo mit Ruedi Widmer, der seine Aussagen verschriftlicht und montiert hat, fand am 2. Oktober 2014 in Zürich statt.

 

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