Tiflis – Poti – Tiflis: Mit Nino unterwegs in Georgien

von Katharina Flieger Katharina Flieger, *1982, ist als Kulturjournalistin für Saiten, Coucou und SRF Kultur tätig. Von 2011 bis 2012 studierte sie Kulturpublizistik an der ZHdK. gepostet am 01. Juli 2014
  • Poti, Georgien

    Katharina Flieger

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Ein kritischer Blick des Zöllners, in den Pass, aufs Gesicht und wieder zurück. Unvermittelt kramt er ein Päckchen hervor, darin eine 2dl-Weinflasche: „Welcome to Georgia, the Land of 8000 Vintages.“ Beim Flughafenausgang wartet Nino. Hager, den schwarzen Mantel eng um sich geschlungen, blaue Augen unter zerzaustem, kurzem schwarzem Haar. Müde sieht sie aus. Die Luft ist kühl und trocken. Wir fahren durch das nächtliche Tiflis, Opel Astra, silbern. Die renovierten Häuserfassaden sind bunt beleuchtet. Nino Sekhniaschwili, 33, Künstlerin. Lebt in Tiflis und möchte nach Berlin ziehen.

 

„Jetzt haben wir also eine neue Regierung“, meint Nino unvermittelt, angestrengt über das Steuer gebeugt. Anfang Oktober wurde ein neues Parlament gewählt, die Partei des langjährigen Präsidenten Michail Saakaschwili hat die Mehrheit und damit ihr Machtmonopol verloren. Sieger der Wahlen ist das Oppositionsbündnis Georgischer Traum von Bidsina Iwanischwili, einem reichen Unternehmer der sein Milliardenvermögen in Russland gemacht hat. Nach der knapp 10 Jahre dauernden Amtstzeit von Saakaschwili ein bedeutender Umbruch; die politischen Erschütterungen im Land sind deutlich spürbar. Mehrere Minister mit undurchsichtigen Geschäftstätigkeiten haben sich kurzerhand ins Ausland abgesetzt, ihre Firmen wurden unverzüglich geschlossen, in den Tagen nach den Wahlen verloren hunderte Menschen ihre Arbeit. Am Autofenster zieht ein futuristisch anmutender Neubau vorbei. Vor den Wahlen wollte Sakaschwili eiligst alle angerissenen Bauprojekte beenden, Gebäude wurden in Rekordtempo fertiggestellt. Täglich hat Nino auf ihrer Joggingrunde die Konstruktion passiert: „Rund um die Uhr haben sie gearbeitet, die Chinesen. Das war, wie wenn man bei einem Video auf Speed drückt. Absolut verrückt! Hier in Tbilisi kocht es, alles ist im Wandel, alles geht sehr schnell. Doch die Veränderungen geschehen so plötzlich, dass ich als Künstlerin gar nicht mehr darauf reagieren kann“. 

Wir erreichen ihre Wohnung um die Ecke des Mardschanischwili-Theaters, Krilovstrasse 10. An die Hausmauer das Wappen des FC Barcelona gesprayt, daneben BARCELONA, das R mit einem Häkchen rein geflickt. Hier lebt Nino, wenn sie nicht gerade unterwegs ist, mit ihrem Mann Aliko, einem ehemaligen Fechter. Eine rostige Metallwendeltreppe führt hinauf in den dritten Stock. Das Haus ist über 100 Jahre alt, gebaut von einem armenischen Händler. Jede Wohnung hat einen individuellen Grundriss, da die grosszügigen Wohnräume im Laufe der Zeit zu kleineren Einheiten unterteilt wurden. Hohe Decken, eine Art Vitrine als Büchergestell, die nur mit einer Leiter zugänglich ist. An der Wand ein Relief, Pergamentzeichnungen liegen herum, Türen mit farbigem Glas. Ein enger Balkon mit einem Gestell für Kräuter: Estragon, Petersilie und Schnittlauch. Nino tischt ein improvisiertes Nachtmahl auf. Fladenbrot mit Käse und Wein, ein Bündel frischer Kräuter, Radieschen und Paprika, gekochte Eier und selbstgebrannten Schnaps.

Tags darauf stehen wir vor der Deutschen Botschaft inmitten einer Menschenansammlung, der Gehsteig ist uneben und staubig. Seit langem bemüht sich Nino um ein Visum für Deutschland. Nach mehreren Terminen auf dem Konsulat muss sie jetzt noch einen sogenannten Fähigkeitsausweis nachreichen. Sie spricht neben Georgisch Russisch, Englisch und Deutsch. Nino mag Deutschland, war bereits in Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg. Diese Aufenthalte wurden jeweils von Stiftungen organisiert und finanziert. Nun will sie nach Berlin, will es aus eigener Kraft schaffen, will keiner Institution mehr Rechenschaft ablegen müssen. „Berlin kenne ich noch nicht. Es ist eine neue, fremde Stadt, die mich reizt. Ich will schauen, wie lange ich durchkomme.“ Gelegentlich wird sie für eine Kunstzeitschrift schreiben, finanzieren will sie sich über die Einkünfte der vermieteten Räumen in Tiflis und vom Handel mit Gebrauchtwagen. Mit der Autoschieberei hat sie bereits Erfahrung, eine Exotin im Männerbusiness. 

Endlich wird Nino ins Botschaftsgebäude vorgelassen. Die Wartenden haben die unterschiedlichsten Gründe, nach Deutschland gehen zu wollen. Da sind diese schüchtern wirkenden Mädchen vom Land. Traumberuf: Au-Pair. Junge Tifliser, die in Deutschland studieren möchten. Musik, oder noch besser, Kunst. Selbstbewusste, beleibte Männer mittleren Alters, welche im Autohandel mitmischen – Für diese Kategorie gibt es sogar ein spezielles Visum. Unter den Wartenden ist auch eine Mutter, deren Kind an Krebs erkrankt ist. Sie erhofft sich eine bessere medizinische Behandlung in Deutschland, die Kosten werden von einer Stiftung übernommen.

Die Leute, die wieder herauskommen, versorgen sorgfältig all die Belege, Papiere, Fotos in Plastikmappen und Couverts. Mal ohne sichtbare Regung, mal mit einem beglückten Lächeln auf dem Gesicht. Nicht so Nino. Entnervt tritt sie aus dem Gebäude, fuchtelt verärgert mit den Papieren in der Luft: „Heute hat der Konsul Besuch, da muss alles andere warten. Keine Ahnung, wie lange das dauert. Dafür habe ich echt keine Geduld. Lass uns abhauen.“

So macht sie das oft. Nino ist eine unstete, sprunghafte Person. Spontaneität, Unterwegs-sein und Reisen sind wichtige Antriebe, sowohl in ihrem Leben als auch in ihrem künstlerischen Schaffen. Am liebsten reist sie mit dem Auto. Daher auch die Faszination für die Autoschieberei vom Westen in den Osten. Die fast 4000 Kilometer lange Strecke von Deutschland nach Tiflis fährt sie jeweils alleine. Da habe sie die Kontrolle. Das Gefühl auf den ermüdend langen Fahrten bezeichnet sie als meditativ, als eine Art ‚Unter-Wasser-Zustand‘. Der Puls ruhig, die Atmung flach, losgelöst von allem. So beschreibt sie es. Keine klaren, fassbaren Gedanken mehr haben zu müssen und trotzdem die Kontrolle über Strasse und Fahrzeug zu behalten. In diesen Momenten mache der ‚innere Alarm‘, wie sie ihre Nervosität nennt, Pause. Ständig scheint sie auf der Suche nach speziellen Orten zu sein. Gelegentlich findet sie einen, von dem sie kaum mehr loskommt. Wie Poti, eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Dort hat sie mehrere Monate verbracht und an ihren Bildern gearbeitet. Die Wirkung des Ortes hallt auch in der Distanz nach. „Das ist wie beim Desktop des Computers. Wenn ich aufwache, sind in meinem Kopf zwei Orte: Der eine ist Kacheti (ein Weinbaugebiet im Osten Georgiens), der andere ist Poti. Der ist immer dabei. Seltsamerweise konnte ich Poti sogar besser malen, als ich in Zürich war, dort fühlte ich diesen Ort besonders stark.“ 

 

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„Das ist wegen den Wahlen“

Im Morgengrauen verlassen wir die Stadt in Richtung Schwarzes Meer, müdes Schweigen füllt den Raum. Am Stadtrand reiht sich ein schickes Restaurant ans nächste, eine beliebte Meile für Angehörige der Oberschicht. Es folgt die amerikanische Botschaft, ein riesiger massiv gesicherter Neubau, Zeichen westlicher Machtdemonstration im Kaukasus. Ein über die Strasse gespanntes Transparent wünscht ‚Happy Journey‘, auf Georgisch und Englisch. Kaum aus der Stadt raus, ist der Tank bereits leer. Im Augenwinkel die blinkende Anzeige, halten wir Ausschau nach einer Tankstelle. Endlich taucht eine am Strassenrand auf, doch Nino reagiert nicht, passiert sie und meint verächtlich: „Die mit der Blume als Logo mag ich nicht!“ Warum? „Weil sie gelb ist“. Kurz vor Gori steigt die Strasse an, das Auto verliert bereits an Kraft. Da erscheint, endlich, diese gigantische Autobahnraststätte samt Tankstelle, gebaut vom Berliner Architekten Jürgen Mayer Hermann. Der Deutsche hat in Georgien markante Spuren hinterlassen mit seinen futuristischen Gebäuden, die exemplarisch für den beispiellosen Bauboom im ganzen Land stehen, mit dem sich Saakaschwili ein Denkmal zu setzen gedenkte. Nino ist begeistert und nennt das Gebäude ab sofort nur noch ‚unsere Tankstelle‘. Einen herben Kontrast dazu bilden die Flüchtlingslager direkt neben der Strasse. Entlang der modernisierten Autobahn Tiflis-Gori ragen uniforme rote Dächer aus dem Nebelschleier heraus. Hier leben ehemalige Bewohner Süd-Ossetiens, die im gewaltvollen Konflikt mit Russland 2008 aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Damals konnte Nino nicht glauben, dass es Krieg geben sollte. Stur ignorierte sie sämtliche Anzeichen. Die Realität drang erst zu der Künstlerin durch, als die meisten Bewohner bereits aus Tiflis geflohen waren und sie die ersten Artilleriegeschosse hörte. Sie blieb zu Hause und tat nichts.

Nach der Überquerung des 1000 Meter hohen Rikoti-Passes wird es wärmer, die Vegetation fruchtbarer. Orangene Khaki-Früchte leuchten in den Bäumen, entlang der Strasse wird an kleinen improvisierten Verkaufsständen aus Holz Honig verkauft, handgeflochtene Körbe und riesige Pilze werden feilgeboten. Als wir die Ebene erreichen, beginnt ein feuchtes und sumpfiges Gebiet, das einst Malaria-verseucht war. Das Klima hat sich auf die Bauweise ausgewirkt: Zum Schutz vor der alles durchdringenden Feuchtigkeit wurden die Häuser auf Stelzen gebaut. Die Dachgiebel sind mit kunstvollen Holzschnitzereien verziert. Endlich erreichen wir Poti. Einst wichtigster Handelsplatz Georgiens, mit einer Eisenbahnverbindung nach Armenien und Baku am kaspischen Meer, ist die Stadt zu einem trostlosen Ort verkommen, der nach einer neuen Identität sucht. Die georgische Sprache ist hier mit russischen Ausdrücken zu einem eigenartigen Mix vermengt. Kleine Häuser sind in rechtwinkligen Strassenzügen angeordnet, es gibt einen bescheidenen Markt für den Alltagsgebrauch, ein paar Fachgeschäfte. Ein Glanzstück: die orthodoxe Kirche mit vergoldeter Kuppel, eine klein geratene Kopie der Hagia Sophia in Istanbul. Am Stadtrand liegen zwei Siedlungen; neu gebaute Wohnblöcke für Flüchtlinge aus Abchasien sowie ein altertümliches Dorf, wo Angehörige einer Sekte leben. Man nennt sie Duchoborzen, mit ihren von Zäunen umgebenen gepflegten Gärten und altertümlicher Kleidung fallen sie auf. 

Nach einem starken Kaffee in der Hafenkneipe legen wir uns auf eine der verwitterten, ineinander verkeilten Betonplatten an der Uferpromenade. Morsche Holzstreben ragen aus dem Wasser, in der Ferne ein paar Lastschiffe und ein Hafenkran. Die Oktobersonne brennt im Gesicht, von weitem sind die hämmernden Geräusche des Hafens zu vernehmen. Es ist einsam hier, ausser ein paar vereinzelten Rentnern und einer verlorenen Kuh taucht an dieser Promenade niemand auf. Es ist ausserordentlich sauber: keine Petflasche, keine Strandlatsche, kein Plastiksack liegt herum. „Das ist wegen den Wahlen“, meint Nino, „der Strand wurde extra geputzt. Früher war hier die reinste Abfallhalde“. Immer wieder dieser Satz: „Wegen den Wahlen.“ Die Politik hat hier sehr direkte Auswirkungen auf alltägliche Belange. Ein Bad in Licht und Wasser. Das Meer spült eine Qualle an, von der Brandung wird sie hin und her geworfen. Ein Stein verhindert ihr abdriften, und so bleibt sie vor unseren Füssen liegen. Aus einer Blechtasse trinken wir Schweizer Quittenschnaps, Etter. Die gallertartige Masse glänzt im flachen Spätnachmittagslicht, im rhythmischem Rauschen der Wellen hypnotisiert sie den Geist. Hier am Strand hat Nino damals viele Nächte verbracht, denn im Sommer ist es in Poti schier unerträglich schwül. Am Wasser fand sie den einzigen Ort mit etwas Luftzug, hierher kam Nino zum schlafen. Morgens um sechs radelte sie dann zum nahegelegenen See Paliostomi, wo sie jeweils bis etwa um zehn Uhr die Umgebung malte, bevor sie ein Bad im lauwarmen Gewässer nahm und die Zeit totschlug, bis die Sonne nicht mehr so hoch stand. 

Endlich raffen wir uns auf und gehen zum See. Nino zeigt die Plätze am Ufer, wo sie damals gemalt hat. Immer wieder tauchen unvermittelt Ruinen auf, Überreste aus der Sowjetzeit, massive Bunker und stillgelegte Militäranlagen. Dazwischen Ruinen neueren Datums, Bauprojekte, die nie fertiggestellt wurden. Wie Skelette stehen sie in der Landschaft und bilden einen spannungsvollen Gegensatz zu den omnipräsenten Prestigeneubauten mit ihren Glasfassaden. Diese Figuren hat Nino damals auf Leinwand gebracht. Man wunderte sich im Ort über den ungewohnten Besuch, auch die lokale TV-Station hat über die Künstlerin berichtet. 

Die Gegend ist von einem weitläufigen Sumpfgebiet wilder Schönheit mit einem Netz aus dicht verzweigten Flussarmen umgeben. Auf dem Grund des Sees Paliostomi haben Forscher Überreste der antiken Stadt Phasis entdeckt, welche in der griechischen Mythologie in der Argonautensage eine zentrale Rolle spielt. Der Brackwassersee ist gleichermassen beliebt und gefürchtet bei Fischern: Das komplexe System von Ebbe, Flut und Wind kann zu spontanen Riesenwellen führen, die schon manch einen Fischer in den Tod gerissen haben. Das flache Herbstlicht formt bizarre Bilder aus den Ruinen und deren Schatten. Auch hier ist es einsam. Ein Autofahrschüler zieht zögerlich seine Kurven über das stillgelegte Militärgelände. „Hierher kommen die Leute nur zum ficken, meist Freier vom Hafen mit ihren Prostituierten“. Es gibt wohl hässlichere Orte.

 

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Die Kunst als Rückzugsmöglichkeit

Es wird Abend, wir suchen eine Schlafgelegenheit. Etwas ausserhalb der Stadt finden wir an einem kleineren, langgezogenen See eine Unterkunft. In Sowjetzeiten war hier ein begehrtes Sanatorium für Sportler und Staatsangestellte, nach dem Umbruch wollten findige Unternehmer ein Wasserskizentrum errichten. Morsche, verfallene Holzkonstruktionen am Uferrand, einst Abfahrtsrampen, erinnern daran. Die Besucher begrüsst ein stolzer Junge mit Wasserskiern im Arm. Er ist aus Pappe. Das sogenannte Sanatorium befindet sich in fortgeschrittenem Verfallsstadium: Weinreben ranken sich um bröckelnden Beton, grünes Moos und schwarzer Schimmel vermischen sich und nehmen die alten Mauern in Besitz. Nach Sonnenuntergang sitzen wir in kaltem Neonlicht auf einer Restaurantterrasse. Es ist kühl. Auf dem Tisch die für die Region typische weisse Polenta, eine Schale mit Pilzen, Tomaten-Gurkensalat mit Nusspaste. Nino isst fast nichts. Am liebsten mag sie Äpfel, mit Vorliebe die faulen, verwurmten, die mit der schrumpeligen Haut. Sie erzählt vom Krieg. 

Als die Sowjetunion zusammenbrach, war sie elf. Mit der Auflösung der staatlichen Strukturen brach auch der Zusammenhalt in ihrer Familie auseinander. Finanziell ging es ihnen zwar etwas besser als anderen Familien, da der Vater nach der Wende sofort begann, sein eigenes Business aufzuziehen. Bald darauf brach jedoch ein Bürgerkrieg aus. In dieser Zeit gab es oft für Wochen keinen Strom, kein Wasser, die Schule wurde immer wieder für längere Zeit geschlossen. Damit sich ihre Tochter im Teenageralter nicht vollends verlor, schickten die Eltern Nino in privaten Zeichenunterricht. Die Kunst, das war für Nino damals vor allem Rückzug. Heute öffnet sie ihr Türen in einer global vernetzten Gesellschaft. Sie nimmt einen kräftigen Schluck Schnaps. 

Es folgten der Auszug von zu Hause, das Studium an der Kunstakademie in Tiflis. Später, während der Revolution im Jahr 2003 hat sie sich nach Aserbaidschan abgesetzt, in ein kleines, fensterloses Zimmer. Weshalb sie nicht wie die meisten Mitbürger auf die Strasse gegangen ist? „Ich wollte diese Revolution nicht. Für mich war das keine echte Wahl, zwischen Eduard Schewardnadse und Saakaschwili. Die Menschen sahen Saakaschwili als Erlöser. Doch ich kannte ihn persönlich. Wir haben früher zusammen Basketball gespielt. Als Micha aus Amerika zurückkam, liebte er es, mit Jugendlichen zusammen zu sein. Er hatte diese gewisse Art aufzutreten; einen Machtanspruch, der mir zuwider war“.

Nino füllt sich ihr Glas nach. Die gesetzliche Null-Promillegrenze für Autofahrer scheint nicht für sie zu gelten. Sie blickt zurück auf den Krieg von 2008. „Das war pure Provokation. Die Menschen hier sind alle sehr emotional, die Unkorrektheiten der Politik sind mir zuwider.“ Bei der Wahlniederlage habe Saakaschwili sich ,korrekt‘ verhalten, wie westliche Medien lobend anerkannten. Nino bringen derartige Einschätzungen in Rage: „Was er mit dem Land gemacht hat, war das etwa korrekt?“ Dennoch, Nino ist auch diesmal nicht glücklich über den Ausgang, die Geschichte widerholt sich. Sie beschreibt das Gefühl, gar keine echte Wahl zu haben. „Iwanischwili vertraue ich nicht. Ich weiss nur, dass er lange in Russland gelebt und da Unmengen Geld verdient hat. Aber wer ist er? Warum vertrauen die Leute ihm? Woher kommt dieser Glaube, dass ausgerechnet er jetzt alles richtig macht?“ Am direktesten betroffen ist Nino als Künstlerin von der Wahl des neuen Kulturministers. Im Kaukasusstaat ist die Kultur traditionell staatlich organisiert. „Dieser neue Kulturminister… Der hat nichts mit Kunst oder Kultur am Hut, der ist einfach ein guter Mann. Ich habe das Gefühl, dass nun alle Ämter von einfachen Menschen besetzt werden, die nicht kompetent sind. Ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist. Immerhin gab es keine Revolution, doch niemand weiss, was zu erwarten ist. Nicht nur im Kunstbereich, auch sonst. Vielleicht ist es sogar besser, nichts zu wissen. Dann geschehen die Dinge unerwartet und schnell.“

 

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Fioni am Knattersteg

Später, in der Bar des Yachtclubs am Hafen warten wir auf Paata. Bei ihm kam Nino im Sommer unter, was ordentlich für Gerede sorgte in der Kleinstadt. Eine verheiratete Frau im Hause eines geschiedenen Mannes! In Georgien sind WG-ähnliche Wohnformen vor allem auf dem Land unüblich. Wir trinken Tee und schauen dem nächtlichen Treiben im Hafen zu. Von Scheinwerfern hell beleuchtet wird ein 1000-Tönner beladen. Georgien exportiert auf dem Seeweg Mangan, Mais, Holz und Wein. Neben uns ein verrosteter Steg, daran vertäut eine orangefarbene Barkasse namens ‚Fioni‘. Das dumpfe Grollen der Hafenmaschinen vermischt sich mit einem scharfen metallischem Knattern, wenn der Steg wegen des Druckes der Wellen am Dalben entlang schmiert. „Hier fühle ich mich wie in einem guten Film – Von einem guten Regisseur.“ Wie aus dem Nichts taucht hinter uns ein gigantisches Frachtschiff auf, gespenstisch gleitet es lautlos an uns vorbei aufs offene Meer.

Endlich kommt Paata. Momentan arbeitet er als Hafenarbeiter. In der Dunkelheit wirken seine dichten Augenbrauen bedrohlich, er steckt in Springerstiefeln und trägt eine schwarze Schirmmütze. Im Gespräch vermischen sich schnell Emotionen und Politik. Paata berichtet von all den Anstrengungen Saakaschwilis, sich die Gunst der Wähler zu sichern. Dafür habe der Präsident keinen Aufwand gescheut. Doch die Massnahmen waren oberflächliche Schnellschüsse: Wasserleitungen etwa wurden schlampig renoviert, die Röhren barsten, viele Haushalte sind nun ohne fliessendes Wasser. Ähnlich lief es mit dem Stadttheater: Der Prunkbau sollte vor Saakaschwilis Wahlkampfbesuch fertiggestellt werden. Da die Zeit knapp wurde, trug man kurzerhand die Farbe direkt auf den Beton auf; für einen sauberen Verputz reichte die Zeit nicht mehr. Dann sah Paata im Fernsehen, wie ein neues Einkaufszentrum in Poti eingeweiht wurde. „Das ist doch gar noch nicht gebaut, dachte ich mir, und eilte zur Baustelle. Da stand ein Fernsehteam, im Hintergrund eine Projektion des fertigen Gebäudes. So läuft das hier. Absurd!“ Mit seinem Aktionismus hat Saakaschwili das Gegenteil erreicht, hat sich endgültig lächerlich gemacht. Auch hier in Poti hat eine grosse Mehrheit für das Bündnis Georgischer Traum gestimmt. Während Paata erregt von den kriminellen Machenschaften der Politiker erzählt, leuchtet hell seine weisse Jacke in der Dunkelheit. ‚Deutschland bewegt sich‘, steht da auf einem bunten Aufnäher, ‚Die Gesundheitsinitiative‘. 

Nino sagte einmal: „Ich kenne so viele Menschen im ganzen Land, tolle Leute, und alle stecken immer in Schwierigkeiten. Ich kann mir das nicht erklären. Ist es wirklich immer das System, oder sind es auch die Menschen, die es nicht hinkriegen? Hier denkt niemand langfristig. Geschäfte und Restaurants verschwinden so schnell wieder, wie sie aus dem Boden geschossen kamen.“ Ihr fehlt Beständigkeit. Sie beneidet die Schweiz und Deutschland um ihre Traditionsunternehmen. „Hier haben viele das Gefühl, bloss eine Chance gehabt, und diese verpasst zu haben.“ Zu denen gehören auch Pataa und dessen Freund, Gochi. Nino will mit ihm das nahegelegene Sumpfgebiet erkunden. Gochi ist alleinstehend, Jäger, Fischer und besitzt ein altes Motorboot russischer Herkunft. Dieses wurde lange nicht gebraucht. Erst muss Benzin gekauft, eine Autobatterie ausgebaut und das Schiff ausgegraben werden. Am Ufer der Zuflusses werden wir von einer aufgeregten Schar Truthähne begleitet. Mal im Wasser, geht es kaum vorwärts, Verunreinigungen der nahegelegenen Tiermehlfabrik haben für eine ökologisches Drama gesorgt: Der Fluss steht beinahe still vor lauter Algen und grünem Dikicht. Nino legt sich auf den Bug des Schiffes. Sie geniesst die Fahrt trotzdem, scheint aufgeregt. Irgendwann löst klares Wasser vom See die grüne Brühe ab, nach der Überquerung des Sees biegen wir in einen der vielen vom See abzweigenden Flussarme ein. Nino lässt sich den Wind durch die Haare blasen, ihre markante Nase kuckt unter einer retro-Sonnenbrille gervor. Unvermittelt taucht im dschungelartigen Grün am Ufer eine Lichtung mit Picknickplatz auf. Schicke, massive Holzbänke und -tische, auf einem idyllischen Plätzchen gelegen in einer Kurve des Flusslaufs, mitten im Nichts. „Das hier ist Silvias Lieblingsplatz“, meint Paata und wirft ein verächtlicher Blick über die Schulter, die Zigarette lose im Mundwinkel. Wer ist Silvia? „Die Frau von Saakaschwili“. 

Auf dem Rückweg nach Tiflis erzählt Nino über ihr Verhältnis zu Kunst. Obwohl sie selber ein sehr emotionaler Mensch ist, wirken ihre Werke seltsam distanziert, lassen wenig Persönliches zu. So auch die Gemälde der Bunker oder ihre Reliefs. „Man sollte Kunst nicht anmerken, ob sie von einer Frau oder einem Mann erschaffen wurde.“ Das Lob einer Tifliser Kuratorin, sie sei eine der drei besten KünstlerInnen Georgiens, kontert sie verächtlich: „Das kommt daher, dass wir keine guten Künstler haben“. Ob gut oder nicht, in der durch die orthodoxe Kirche stark dominierten georgischen Gesellschaft spielen sie jedenfalls keine massgebliche Rolle. Im Gegensatz zu anderen Nachbarstaaten droht in Georgien wegen provokativen Auftritten keinem Künstler das Gefängnis. Nicht, weil die Menschen besonders liberal wären, sondern weil die Künstler gar nicht ernst genommen werden, meint Nino. Ihre Position hingegen ist klar: „Es geht nicht darum, Kunst zu machen. Es geht darum, Entscheidungen zu treffen, das Richtige zu tun. Man muss kein Künstler sein, um Kunst zu machen.“ 

 

"Seid ihr das erste mal in einem Entwicklungsland?"

Zurück in der Hauptstadt bereitet Nino ihre anstehende Ausstellung vor. Unterstützt von der Soros Foundation, einer Stiftung des ungarischstämmigen Amerikaners und Multimilliardärs George Soros, stellt sie Arbeiten aus, die während eines Aufenthalts in Armenien entstanden sind. Zeichnungen und Interpretationen jahrhundertealter, meist religiöser Manuskripte, auf Pergament und Papier. Nino beschäftigte sich unter anderem mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden armenischer und georgischer Fresken. Für diese Ausstellung arbeitet Nino mit dem Maler Zakaria zusammen, einem bescheidenen Mann in den Fünfzigern. Der Einzelgänger lebt am Hang eines der vielen Hügel die Tiflis umgeben, direkt unter dem Wahrzeichen der Stadt, der gewaltigen, steinernen Frauenstatue ‚Mutter Georgiens‘, ein Weinkelch in der einen, ein Schwert in der anderen Hand. Gleich unterhalb liegt die pompöse Villa des neuen Ministerpräsidenten Iwanischwili. Zakarias Heim, eine einfache Wohnung, befindet sich direkt neben der Kirche des heiligen Georgi. Der Künstler hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese eine Kirche zu restaurieren. Seit Jahren schon ist Zakaria daran, unentgeltlich den Heiligen eine neue Präsenz zu geben. Lohn kriegt er keinen, im Gegenzug erhält er Freiheit in der künstlerischen Gestaltung der Fresken. Eigenwillig sind seine Figuren, heben sich ab von der gängigen sakralen Ikonografie. Die Formen und Figuren sind abstrahiert und ähneln im Stil eher einem Cartoon. Die Farben sind warm und intensiv, die Pigmente stellt Zachari selber her. Neben der Kirche steht eine selber konstruierte Maschine, knatternd zerdrückt sie die Steine. 

Wir besuchen die Vernissage einer russischen Künstlergruppe. An dem Abend findet eine Reihe von Veranstaltungen statt als Auftakt zur ersten Triennale von Tiflis. Im Zentrum für zeitgenössische Kunst sollte eigentlich eine Infoveranstaltung stattfinden, doch dort trifft man nur auf ein paar rumlungernde Gestalten: zwei Kunststudenten aus Frankfurt, der eine Neuseeländer, der andere Schwede. In deren Schlepptau ein schweigsamer amerikanischer Science Fiction-Autor, welcher in der Ecke zusammengefaltet auf einer Holzkiste da sitzt. Armenischer Cognac und Whisky auf einer improvisierten Bar in Form eines Sarges. Vom Kurator keine Spur. Ratlosigkeit wird mit allerlei Floskeln überspielt. Einzig Nino begeistert sich für diese Stimmung. Alles was nicht geplant, nicht einzuordnen ist, interessiert sie. Die Zigarette und den Cognac in der Hand, den Ellbogen lässig aufgestützt auf dem Sarg, fragt sie die beiden Jungs fordernd: „Und, seid ihr das erste mal in einem Entwicklungsland?“

 

„Wir sind einfach nur müde"

Nino träumt von einem eigenen Häuschen am Stadtrand von Tiflis, mit einem Garten voller Quitten, Granatäpfeln, Nüssen, Mandeln und, vor allem, Trauben, um selber Wein zu machen. Dies tut sie jetzt schon. Von ihrem Vater hat sie einfache Geschäftsräume geerbt, die sie an fünf Kleingewerbler vermietet. Darunter liegt ein Keller, wo Nino und ihr Mann Aliko selber Wein und Schnaps produzieren. Hin und wieder spricht sie davon, ihr eigenes Business aufzuziehen. 

Je nach Laune ändert sich die feilgebotene Ware: Seide, Wein, oder doch Kunst? Am besten von allem etwas, meint sie. Ihre aktuelle Wohnung versucht sie schon seit längerem zu verkaufen. Doch sie findet keinen Käufer, der Marktsituation ist schlecht, in dieser instabilen politischen Lage wagt niemand zu investieren, langfristige Pläne zu schmieden ist unmöglich. Ninos Leben in Georgien befindet sich an einer Art Kante, einem Umbruch, und dies permanent. Unsichere Spannung als Dauerzustand. Auf die Frage, woran sich die Menschen hier orientieren, ob eher Richtung Westen oder Osten, meint sie: „Wir sind einfach nur müde. Die Menschen hier wollen endlich Stabilität. Seit 1991 denken wir, jetzt wird es dann bald besser, jetzt kommt es gut, es wird stabil. Und nie klappt es. Wir sind so erschöpft! Wir wollen funktionierende Heizungen und endlich warm haben im Winter. Ob Amerika, EU, Russland oder die Türkei, das ist scheissegal.“

In ihrer Altbauwohnung sitzen wir spätabends am grossen Esstisch, die Fenster Richtung Innenhof geöffnet. Nino versucht den Zustand ihrer Mitmenschen zu beschreiben und mit europäischen Ländern zu vergleichen. Sie selber reiste viel durch Georgien, dessen Nachbarstaaten im Kaukasus, Westeuropa, was sie zu einer aufmerksamen Beobachterin werden liess. Bei ihrem Aufenthalt in Zürich hat sich ihr eine Schwarzweiss-Fotografie der Ausstellung C‘est la vie im Landesmuseum besonders eingeprägt. Zu sehen ist eine alte Frau: ein Glas Wein in der Hand, der Blick recht vergnügt in die Kamera gerichtet. Die Babuschka, wie Nino sie liebevoll nennt, ist der Inbegriff von Ruhe und Frieden. Eine Art Ideal vom Altern. Im Gegensatz zur georgischen Realität: „Hier bedeutet alt werden Armut, bedeutet Angst. In Europa bedeutet alt werden: frei sein von der Arbeit, geniessen, reisen.“

Draussen rumpelt ein verspätetes Sommergewitter durch die Nacht, Donnergrollen wird eins mit der Oper Boris Godunov des russischen Komponisten Mussorgski. Wir trinken Ninos selbst gemachten Weisswein. Leicht süsslich schmeckt er, vernebelt die Gedanken, das Murmeln der Nachbarn wird von einsetzendem Regen rhythmisch unterlegt. Einige Wochen später ist auch der Traum von Berlin geplatzt. Zurück in der Schweiz, erhalte ich einen Telefonanruf. Nino berichtet von der Absage, Grund ist die fehlende finanzielle Sicherheit. „Jetzt ist alles wieder offen“, meine ich. „Nein, jetzt ist alles zu“, meint Nino und lacht.

 

Quellen zum Text:

Die Reportage Tiflis-Poti-Tiflis entstand 2012/2013 als Masterthesis im Master Kulturpublizistik der ZHdK.