Hochsitz

Kulturelle Identität als Palimpsest

von Franz Beidler Franz Beidler (*1984) studiert Kulturpublizistik an der Zürcher Hochschule der Künste. Davor studierte er Jazzkomposition an der Hochschule der Künste Bern. Daneben studiert er in Echtzeit am Leben und berichtet gelegentlich davon, mal in Klängen, momentan aber meist in Worten, nämlich im Stadtanzeiger Olten, wo er als Redakteur arbeitet. gepostet am 13. August 2020
  • Illustration: Annatina Nay

Die Ubiquität des Ortes ist eine Ubiquität der Kultur ist eine Ubiquität der Identität. Und vice versa.

Palimpsest (von lateinisch palimpsestus, -i m aus altgriechisch πάλιν palin «wieder» und ψάειν psaein «reiben, (ab-)schaben») bezeichnet eine Manuskriptseite oder -rolle, die beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wurde

1. Identität im Austausch mit der Umgebung

Wenn ich dann endlich einmal meine Wohnung aufräume, dann bin ich getrieben, gejagt geradezu. Während Tagen dulde ich eine Ablage voller angekalkter Trinkgläser und verkrümelter Teller, während Wochen die wachsenden Staubhäufchen, die in Echtzeit kartografieren, in welchen Ecken der Zimmer ich mich oft und in welchen gar nicht aufhalte. Während Monaten dulde ich einen überstellten Schreibtisch und sein digitales Pendant: Ich starre in den Bildschirm meines Laptops, vorbei an unzähligen Ordnern und Dokumenten, zugleich Zeugnisse anfänglicher Begeisterung und frühzeitiger Ernüchterung. Während Jahren ignoriere ich das chaotische Büchergestell, wo sich nicht etwa Gegenwärtiges ansammelt, sondern das, was ich als wichtig und erinnerungswürdig empfinde. Und dann sammelt sich dort auch das, was ich geglaubt habe, lesen zu müssen, es aber nie tat: Der «Heuer» liegt da, ein Lernbuch für korrektes Deutsch. Und «The Intelligent Investor», jenes Buch, das dem Multimilliardär Warren Buffet zu seinem Reichtum verholfen haben soll. Mein Büchergestell zeichnet nach, was ich war und was ich wünschte, zu sein.

«In den Prinzipien der geplanten Stadt etabliere sich der Gedanke von Übersicht, Lesbarkeit und Ordnung», schreibt die Kunstwissenschaftlerin Birgit Szepanski mit den Worten von Michel de Certeau. Dieser Ordnung stehe die Subversion der Alltagspraktiken gegenüber, die «Unvorhersehbares, Unbestimmtes und Unlesbares» hervorbringen. «Handlungen hinterlassen demnach Spuren, die in den Orten bruchstückhaft eingelagert werden», folgert Szepanski. Ein Ort besteht aus ineinandergeschachtelten Schichten, die vergangenes Handeln aufzeichnen. Aus den Bruchstücken, aus diesen «Einsprengungen in Raum und Zeit», lässt sich das ehemalige Ganze nicht mehr zusammensetzen. Szepanski schliesst mit Certeau: «Der Ort ist ein Palimpsest.»[1]

Wie ich mich als Einzelner in meinem Büchergestell spiegle, so spiegelt sich eine Gesellschaft im Ort: Sie prägt ihn, indem sie nach ihren Idealen handelt. Identität steht also im steten Austausch mit der Umgebung: Sie prägt uns, wir prägen sie. Unsere Umgebung macht unsere Kultur macht unsere Umgebung. Dieser Fluss zwischen materialisierter Kultur und kulturellem Material zeigt an, dass nicht nur Orte Palimpseste sind, sondern auch Kulturen. Im Austausch mit ihnen überschreiben wir unsere Umgebung, verfestigen darin vorhandene Ideen oder laden sie mit neuen auf. Certaus «Ubiquität des Ortes»[2] ist gleichzeitig eine Ubiquität der Kultur und eine Ubiquität der Identität.

Mein Büchergestell zeugt also von meinen Idealen und Ideen. Und wenn ich es aufräume, versuche ich, mich wieder aus ihm zu löschen. Aufräumen ist der handfeste Versuch zu vergessen, eine Unmöglichkeit, die letztlich an Bruchstücken scheitert. So ergeht es einer Gesellschaft, die versucht, ihre Umgebung aufzuräumen. Die einen wollen erinnern, die anderen vergessen, wieder andere in neuem Licht erinnern, um eben nicht zu vergessen. Alle argumentieren sie mit Idealen und Identität. Wer sind wir und wer wollen wir sein? Wie wollen wir die Welt wissen lassen, wer wir sind? Ob Statuen, Bücher, Filme oder Wappen: In allem, was Vergangenes verkörpern kann, wird Identität verhandelt.

2. Das Selbstbild als ein Mosaik aus Löchern

Der Vorgang des Vergessens prägt allerdings die Identität vielmehr als jener des Erinnerns. Erinnert wird nur weniges, das meiste geht vergessen. Einem Scherenschnitt gleich, ist das Selbstbild ein Mosaik aus Löchern, zusammengehalten nur von dünnen Fäden fahler Erinnerungen, manche so alt, so zersetzt, dass von ihnen nicht einmal mehr ein Bild, ein Klang oder ein Geruch übrigbleibt. Diese ganz alten Erinnerungen zeigen nur noch vage in eine Richtung, in der mal ein Königreich oder ein Höllenschlund gelegen haben könnten. Ein leises Gefühl zieht durch den Körper, stellt vielleicht ein paar Haare auf, pumpt etwas Röte ins Gesicht oder bringt uns dazu, die Mundwinkel zu verziehen. Diese letzten kleinen Überbleibsel von all dem Erlebten nennen wir dann Identität. Dabei streiten wir uns um Bruchstücke, aus denen sich kein Ganzes mehr lesen lässt.

Solche Bruchstücke entstehen beim Aufräumen. Wenn ich aufräume, bin ich ein Steinmetz. Schlag für Schlag spitze ich Brocken aus einem Felsen und hoffe, richtig zu treffen. So nämlich, dass übrigbleibt, was meine Ideale verkörpert, auch wenn ich nur dort zuschlagen kann, wo mir der Fels seine Flanke zeigt. Aufräumen, dieses Scheitern an der Entscheidung, was bewahrenswert ist, dieses Aufräumen ist ein gefährliches Vorhaben. Es birgt das Risiko, entdecken zu müssen, dass ich im Trug lebte, im Falle der Küche vielleicht nur während Tagen, im Falle des Büchergestells aber während Jahren. Was ich dort vorfinde, werde ich entweder gewesen sein oder nicht gewesen sein. Beide Fälle bergen Eingeständnisse in sich. Die werde ich als etwas anerkennen müssen, das nicht zu meinem vergangenen, sondern zu meinem heutigen Ich gehört.

Gleiches gilt für unsere gesellschaftliche Identität. Das vielleicht aktuellste Beispiel: Ja, wir sind rassistisch. Statuen von Alfred Escher, David De Pury oder Louis Agassiz sind problematisch. Wir müssen aufräumen. Einen Umgang mit solch offensichtlichen Bruchstücken zu finden, scheint der leichtere Teil des Vorhabens zu sein. Denn Kultur als palimpsest zu betrachten, wirft die beklemmende Frage auf, ob sich überhaupt alle Splitter des Rassismus finden. Wie tief ist Rassismus in unsere Kultur eingebrannt? Wenn unsere Kultur also nicht mehr entzifferbar ist, dann bedeutet das auch, dass sich Rassismus in allen möglichen Ritzen festgesetzt haben kann. Selbst wenn wir alle Bruchstücke fänden: Auch ein präziser Schnitt mit dem intellektuellen Skalpell vermag sie nicht herauszuschneiden, denn zu viele Knoten und Knäuel sind bereits daraus erwachsen. Wenn wir unsere Heimat nicht mehr entwirren können, und das können wir nicht, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als sie aufs Spiel zu setzen. Dass wir also alle Ideen von Gut und Böse, von Vertrautem und Fremdem, von Brauchtum und Habitus, also alle Ideen von uns selbst über Bord werfen. Wir weben uns nicht weiter, sondern geben uns preis, wir räumen nicht auf, sondern weg. Und dann beginnen wir als Heimatlose, als eine Ansammlung von unbeschriebenen Blättern, als Sans Papiers von neuem? Wir wären weder die Ersten, noch die Letzten, die einer Weltverbesserungsutopie erliegen. Und danach müssten wir uns stets fragen: Brachen wir nur mit unserer Vergangenheit, um uns selbst nicht gegenübertreten zu müssen?

3. Ich bin die Welt und die Welt hat Schmerzen

Ich selber lagere mich, neben meinem Büchergestell, auch auf meinem Dachboden. Das letzte mal, als ich dort aufräumte, es war vor Jahren, dauerte es keine Stunde, bis ich in Tränen unter den schweren Dachbalken auf dem staubigen Holzboden sass. Ganz hinten in der Ecke hatte ich eine Bananenschachtel gefunden. Darin verstaubten die Überbleibsel einer zerflossenen Liebe: Briefchen mit vorsichtig gemalten Herzchen fand ich da, und Fotos, auf denen ich und sie, dieses vergangene Wir, armumschlungen und, so schien es mir nun, geblendet in mein heutiges Gesicht lachten. So begannen diese Fotos, diese Briefchen, die Mitbringsel und Geschenkchen zu sprechen: Schau, das warst du einmal, so glücklich, so geliebt, oder auch nur so schlank, so schnittig, so dynamisch. Erfolgreich. Und damit fragten sie mich auch: Was bist du denn heute? Was ist aus dir geworden? Aus den Plänen, den Vorhaben, den Träumen und Wünschen, die ich aus meinen eigenen Fotoaugen noch lesen konnte. Die Dachbodentränen vergoss ich nicht wegen der verflossenen Liebe, ich vergoss sie wegen mir. Ich beweine mich selbst, um mich neu zu erfinden, eine beliebte Form der Selbstbeweihräucherung. Die wenigen Bruchstücke, um die ich mich dann bemühe, setze ich zu einem trügerischen Ganzen zusammen, das ich mir als Olymp eines ursprünglichen und echten Ichs vorsetze.

Die Suche nach einer ursprünglichen, natürlichen, reinen oder echten Identität ist allgegenwärtig. Alltagsgegenstände werden damit beworben. Politiker gehen mit dem Etikett «schweizerisch» auf Stimmenfang. Auf welcher Ebene auch immer: zu keinem Zeitpunkt war irgendeine Identität je ursprünglich, natürlich, rein oder gar echt. Diese utopische Vorstellung, die falsch und gefährlich ist, scheint eine unwiderstehliche Anziehungskraft zu haben. Das zeigt sich nicht zuletzt an Traditionen, an denen die Diskrepanz zu einem romantisierten Früher ersichtlich wird: Wir bringen sie als Spektakel zur Aufführung und beharren darauf, dass sie echt sind. Sie sind der verzweifelte Versuch, aus einem Bruchstück ein Ganzes zu formen. Eine Unendlichkeit an Vergessenem umspannt die eine Erinnerung, die nun als Tradition wieder aufleben soll. Dennoch erbaut sich daraus Identität.

Im Palimpsest wird jede Handlung ebenso Teil der Umgebung, wie Teil der Identität. Das sogenannt normale Leben, das sich von Diskriminierung Betroffene wünschen, wird nicht jenes sein, auf das sie heute abzielen. Gerade in der als Kampf für eine gerechte Sache empfundenen Auseinandersetzung begründet sich ein wichtiger Teil eines Selbstverständnisses. Wer um symbolisches Territorium kämpft, wird in der Selbsterzählung weder darauf verzichten wollen, noch können. Die Schlacht von Morgarten, ein Juwel in der Erzählung «Schweiz», fand ironischerweise nur statt, weil sich Eidgenossen als Eidgenossen auszuweisen begannen. Ihr Sieg verfestigte sich in ihrer und heute in unserer schweizerischen Identität. Waren sie vor der Schlacht aber nicht eigentlich schweizerischer, als nachher, ursprünglicher halt, reiner? So würden wir heute argumentieren, hätten die Eidgenossen die Schlacht verloren. Die Sieger schreiben die Geschichte, weil sie über Erinnern und Vergessen entscheiden und damit letztlich über die Identität nicht nur ihrer selbst, sondern auch jene der Verlierer diktieren. Der Blick auf die Geschichte wird von heutigen Anforderungen an sie bestimmt.

«Es handelt sich nicht um die Rückkehr desselben, sondern des ‚veränderten selben‘. […] An einen anderen Ort verbracht, durchlaufen die Objekte die unterschiedlichsten Prozesse allmählicher Sinnverschiebung und werden von immer mehr Bedeutungsschichten überlagert.»[3] Was über jedes Bruchstück, jede Tradition, jede Erinnerung gesagt werden könnte, beziehen Felwine Sarr und Bénédicte Savoy auf die Frage der Restitution afrikanischer Kulturgüter. Der Raub ist Teil der Geschichte dieser Kulturgüter. Und das Wort ‚Kulturgut‘ ist Teil des Raubes: Die Kolonisierung hat sie gewaltvoll eben auch zu europäischen Kulturgütern gemacht. Über die afrikanischen Schichten hat sich eine europäische gelegt. Darin verkörpert sich ja gerade der Raub. Einem palimpsesten Blickwinkel zufolge kann eine Kultur nicht bewahrt werden. Die Ursprünglichkeit einer Kultur, die das voraussetzt, gibt es nicht. Die Idee einer ursprünglichen Kultur, auf die man sich besinnen könnte, ist nicht nur falsch, sie ist auch gefährlich. Sie führt zu den wirkungsmächtigen Kategorien echt und unecht, einer Idee also, die wiederum Nährboden für Rassismus ist. Zu leicht lässt sich also fragen: Wieso sollten diese Kulturgüter restituiert werden, wenn deren Identität längst eine andere ist? Wenn sich eine Identität, und damit ihr materielles Pendant, sich sowieso stets wandelt, weil sie sich alles einverleibt, was ihr zustösst, wie kann denn überhaupt ein Besitzanspruch entstehen? Besonders, wenn schon diese originale, unberührte Identität eine gefährliche Utopie ist? Und: Sitzen wir nicht gerade in Tränen auf dem europäischen Dachboden, nachdem wir eben die Schachtel mit den Erinnerungen an die verflossene Liebe öffneten, die wir ja nur selbst sind? Auch wenn diese Fragen legitim sind, blenden sie das menschliche Leid aus, das der Kolonialisierung entspringt. Und menschliches Leid ist erstaunlich universell definiert. Was es bedeutet, scheint sich einem grundlegenden Wandel zu entziehen.

Sarr und Savoy beziehen sich auf Krzysztof Pomian: «Diese Objekte können ein neues Leben erhalten und sich zu ‚Semiophoren‘ entwickeln, […] zu Objekten, die neue Bedeutungen tragen.» Dieser Vorgang lässt sich auf jeden Ort und jedes Objekt übertragen, er befindet sich im steten Vollzug. Wir leben in einer Welt von semiophoren Objekten. Die Welt ist ein Museum, ein Archiv, eine Bibliothek von offenen Büchern, deren Geschichten mit jedem Erzählen neu geschrieben werden. Dabei lässt sich Kultur eben nicht konservieren oder vererben. Vielmehr schreibt sie sich ein und fort, als «eine Vergangenheit, die nicht vergeht», wie es Sarr und Savoy formulieren.

Ein Wappen zu ändern oder eine Statue abzureissen, kann vielleicht erste Empörung beruhigen und damit Raum für eine Diskussion freigeben. Lösungen sind das aber nicht. Diskriminierende Vorstellungen vom Anderen sind untrennbar in unsere Kultur eingewoben. Und sie werden es bleiben. Anstatt das mit kalter Resignation zu quittieren oder deswegen mit überhitzten Gemütern auf den Berner Bundesplatz zu stürmen, sollten wir an der Art und Weise arbeiten, wie wir damit umgehen. Die Idee vom immerwährenden Austausch mit dem Anderen, was auch immer das gerade sein mag, sollte Teil unseres Alltags werden. Vielleicht müssen wir unsere Erinnerungskultur um eine Vergessenskultur ergänzen, also um jenen Vorgang, der Identität erst möglich macht. Anstatt vergangene Menschen auf Sockel zu stellen, um sie, und damit uns selbst zu beweihräuchern, sollten wir lernen, Bruchstücke aufzuspüren und ihre heutige Bedeutung anzuerkennen, in der Hoffnung, sie allmählich zu zerstäuben. Wie wollen wir eine Welt vor uns selber retten, wenn wir nicht fähig sind, uns, die wir uns als Problem ausfindig gemacht haben, ohne Kränkung oder Verlustgefühl vergehen zu lassen?

Quellen zum Text:

[1] Szepanski, Birgit: Erzählte Stadt - Der urbane Raum bei Janet Cardiff und Jeff Wall. transcript Verlag, 2016

[2] Ebd.

[3] Sarr, Felwine, Savoy, Bénédicte: Zurückgeben. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Matthes & Seitz, 2018.

#1C1C1C