Keine richtigen Körper

von Damian Christinger Damian Christinger, *1975, ist Kurator und Kulturhistoriker. Seine Interessengebiete befinden sich im Dreieck Europa, Asien und Lateinamerika. gepostet am 13. Juli 2020

Ein Interview mit dem Künstlerkollektiv Baltensperger+Siepert

1. Leuchtturm in Mexico und Boje im Mittelmeer

Damian Christinger: Ehe wir auf eure neue Arbeit zu sprechen kommen, die aktuell im Fotomuseum Winterthur zu sehen ist, möchte ich auf eure Arbeitsprozesse eingehen. Das erste Mal auf euch aufmerksam geworden bin ich in Mexiko. Ihr hab dort 2013 eure Arbeit «Desti-Nation» gezeigt, den Prototypen einer riesigen, roten Boje, die Flüchtenden den Weg über das Meer von Afrika nach Europa weisen könnte. Wie war die Rezeption dieses Werkes in Mexico, das ja weit weg vom Mittelmeer liegt?

Baltensperger+Siepert: Die Reaktionen waren sehr differenziert. Das Thema Migration ist in Mexiko allgegenwärtig. Es ist zwar ein Land mit vielen Auswander*innen, de facto migrieren aber mehr Menschen nach Mexiko, als dass Menschen das Land verlassen. Mexiko ist daher genau betrachtet ein Zuwanderungsland, das international als Auswanderungsland wahrgenommen wird. Unsere Boje wurde als Leuchtturm wahrgenommen, sie symbolisiert ein Recht auf Selbstbestimmung und einen sicheren Weg. Bereits 2013 sprachen in Mexico viele davon, dass die weltweiten Migrationsströme zu politischen Verwerfungen führen würden.

DC: Wie war die Reaktion in der Schweiz?

B+S: «Desti-Nation» verhält sich wie ein trojanisches Pferd im Kunstkontext. Es gibt vor, eine kaufbare Skulptur zu sein. Tatsächlich würde aber, wenn ein*e Sammler*in den Prototypen kauft, in dessen*deren Name eine zweite funktionsfähige Boje im Mittelmeer in Betrieb genommen. Diese könnte man dann über das Internet an einen beliebigen Ort vor der Küste Afrikas bestellen, von wo aus sie als fahrender Leuchtturm Booten den sichersten Weg nach Europa weisen würde. Es geht also einerseits um eine Umkehrung des Kunstmarktes: Es verschiebt das Betrachten, das Prestige und das Besitzen hin zu einem Handeln und dazu, Verantwortung zu übernehmen. Andererseits stellt sich die Frage, wie weit unsere persönliche und gesellschaftliche Verantwortung für die Umstände anderer, in diesem Fall die emigrierenden Menschen, geht. 

DC: Ihr beantwortet diese Fragen gemeinsam, also nicht als Stefan Baltensperger und David Siepert, sondern als Baltensperger+Siepert. Warum?

B+S: Die Entität Baltensperger+Siepert entsteht aus einem Prozess, an dem wir uns tagtäglich abarbeiten. Unsere Methode besteht darin, dass wir keine Kompromisse eingehen. Wir stehen also in einem kontinuierlichen Diskurs, in dem wir unsere Uneinigkeiten ausdiskutieren müssen, bis wir gleicher Meinung sind. Dies bedingt eine Bereitschaft zum Streit und eine gleichzeitige Sensibilität für den anderen. Diese Diskussionen und Auseinandersetzungen prägen sowohl unsere Arbeiten also auch eine gemeinsame Haltung. Dabei ist das Entstandene meist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Da unsere Haltungen bereits durch unseren Diskurs geprägt wurden, ist ein Auseinander-Differenzieren von Baltensperger+Siepert kaum mehr möglich.

2. Eine einzelne Stimme im Meer der Massen?

DC: Eine weitere Arbeit, die mich persönlich stark provoziert hat, war «Invisible Philosophy». Ihr habt dort chinesische Wanderarbeiter*innen dafür bezahlt, einen Tag lang als Philosoph*innen Texte zu schreiben. Eigentlich habt ihr ein Privileg, das ihr euch herausnehmt, einen Tag lang auf einen anderen Menschen übertragen, der allerdings keine Wahl hat und am nächsten Tag wieder malochen muss. Darf die Kunst das?

B+S: Die Frage ist für uns weniger, was die Kunst darf, sondern was die Kunst kann. Nämlich genau eine solche unangenehme Frage zu stellen. Die Aufgabe der Kunst ist nicht, Fragen zu beantworten, sondern neue Perspektiven zu schaffen. In diesem Sinne müssen auch ethische Fragen immer wieder aufs Neue gestellt werden. «Invisible Philosophy» ist ein zweischneidiges Schwert: Mit diesem Projekt geben wir im Prekariat lebenden Menschen eine öffentlich wahrnehmbare Stimme, gleichzeitig arbeiten diese an unserer Vision von «Invisible Philosophy» mit.
Dieses Projekt umzusetzen war möglich, weil der Einkommensunterschied zwischen Schweizer und chinesischen Arbeiter*innen gross ist. In dieser befreiend wirkenden Geste, dass die ansonsten Stummen zur Sprache kommen, steckt aus einer anderen Perspektive betrachtet auch eine Unterwerfung durch das finanzielle Ungleichgewicht. Diese Problematik ist ein wichtiger Teil des Projektes. Sie beinhaltet die Frage, ob diese philosophischen Tageswerke wirklich ihre persönliche Haltung widergeben, oder ob uns als zahlenden Initiant*innen aus der Schweiz das geboten wurde, was man glaubte, uns erzählen zu müssen.

DC: Dann stelle ich mal eine philosophische Frage: Was bedeutet In-der-Welt-sein? Für euch?

B+S: Für uns schwingt bei dem Begriff In-der-Welt-sein auch immer ein Anspruch mit, die Welt zu gestalten. Als erstes stellt sich aber die Frage, was «Welt» überhaupt bedeutet. Wir verwenden den Begriff als einen geistig konstruierten Raum. «Welt» ist für uns nicht lediglich das uns physisch Umgebende, sondern vielmehr das Prisma, anhand dessen wir uns selbst und unser Umfeld wahrnehmen. Welt hat somit für uns keinen allgemeinen Wahrheitsanspruch, sondern verweist immer auf das Subjekt, auf uns selbst.
Das Modell «Welt» ist insofern die Beschreibung dessen, was wir als unser wahrnehmbares und relevantes Umfeld empfinden. Der Rahmen, den wir als unseren Interaktions-, Aktions- und Reaktionsraum verstehen. Dabei gibt es verschiedene Welten, die teils nebeneinander, teils ineinander koexistieren, und es stellt sich die Frage danach, ob und wie wir Zugang zu diesen Welten bekommen.
«In-der-Welt-sein» verstehen wir daher künstlerisch als «handelnder Teil dieses Wahrnehmungsraumes zu sein» – einen für uns relevanten Raum zum Einflussraum zu machen. Mit dieser Aneignung kommen natürlich weitere Fragen, wie jene der Partizipation, des Mit-Definierens und Veränderns hinzu. Weiterführend stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, aktiv zu gestalten, oder ob eher die Umstände für alle unsere Aktionen verantwortlich sind.

DC: Wie verändern sich diese Fragen aus eurer Perspektive in einem globalen Raum zwischen Mexico, Europa und China?

B+S: Durch die globale Vernetzung hat sich die Wahrnehmung der Welt dahingehend verändert, dass uns nicht nur unser nächstes Umfeld als Referenzraum zur Verfügung steht. In unserem Verständnis beruht diese Öffnung des Raums, der Welt, auf Verbindungen, die primär durch den globalen Handel initiiert wurden. Der Handlungsraum ist aber aus politischen Gründen oft auf ein direktes Umfeld beschränkt. Da wir als einzelne Subjekte, ohne unser Zutun, in die Welt geworfen sind, verstehen wir zum Beispiel auch die Entscheidung zur Migration als Akt der Aneignung von Welt um In-der-Welt-zu-sein. Und ohne In-der-Welt-zu-sein, kann man einen Menschen wohl kaum als frei bezeichnen. Der Mittelpunkt der Welt liegt nach unserem Verständnis immer beim deutenden Subjekt, also beim Menschen, der die Welt interpretiert.
In unserem neuesten Werk «No Real Body» geht es um eine Dezentrierung dieses Mittelpunkts. Als Baltensperger + Siepert sind wir die Initiatoren des Projektes, durch die geografische Verschiebung der Interpretation und Umsetzung hat aber ein Aneignungsprozess stattgefunden, in dem Personen mit einem ganz anderen subjektiven «Welt-Konstrukt» ihr eigenes «Welt-Zentrum» in das Narrativ eingeschrieben haben. Es ist jedoch unmöglich, uns als verweisendes Subjekt zu entfernen – vielmehr ist es nun ein Mehrklang verweisender Stimmen.

3. No Real Body. The Fiction of a Singular Identity

DC: Die Filminstallation «No Real Body. The Fiction of a Singular Identity» funktioniert wie eine Versuchsanordnung. Drei Filmproduktion-Teams an drei unterschiedlichen Orten, Nigeria, Myanmar und Gaza, haben von euch dieselben Handlungsanweisungen bekommen. Zusätzlich ein Drehbuch von Uwe Lützen, das zwar eng durchgetaktet ist und dennoch an bestimmten Stellen Raum für Improvisation lässt. Die Situationen entsprechen denkbaren und wahrscheinlichen Konstellationen aus dem Leben und Arbeiten von Baltensperger + Siepert. Die dabei entstandenen Filme werden nun gleichzeitig als begehbare Installation in der Ausstellung «Situations – The Right To Look» im Fotomuseum Winterthur noch bis im Sommer gezeigt. Worin liegt für euch die Kraft eines solchen «Was-wäre-wenn»?

B+S: Die Kunst als fiktionaler Raum öffnet einen Möglichkeitsraum, in dem unterschiedliche Szenarien durchexerziert werden können, ohne den gemeinschaftlich als Realität wahrgenommenen Raum zu tangieren. So entwickeln wir Visionen, Vorstellungen, ein inneres Bild dessen, zu wem und wohin wir uns gerne entwickeln würden. Der Gedanke der alternativen Realität, beeinflusst durch Entscheidungen in der Vergangenheit, interessiert uns dabei nicht so sehr. Diese Gedanken sind müssig, da sie keinen konstruktiven Beitrag zur Gegenwart leisten. Interessanter für uns ist: Wie können wir mit dem, was sich jetzt darstellt, umgehen.
Die Irritation, bedingt durch die Verschiebung unserer Existenz in andere kulturelle Räume, eröffnet im Idealfall Zugang zu neuen Welten im Sinne neu denkbarer Konstellationen. Sie stellt aber auch die Einzigartigkeit und Selbstverständlichkeit unseres eigenen Standpunktes in Frage. Konkret könnte man von einer Hinterfragung des Konzeptes der Identität als Abgrenzung sprechen. Durch die Überlagerung wird sichtbar, dass wir trotz der vordergründigen Unterschiede gleich sind, die gleichen Probleme und Fragen haben, in der gleichen Alltäglichkeit gefangen sind.

 

Baltensberger + Siepert arbeiten seit 2007 zusammen. Ihre Werke wurden unter anderem an der 5. Ural Biennale, der 11. Shanghai Biennale, der National Galerie Bosnien und Herzegowina, im Kunstmuseum Olten und während «Neuer Norden Zürich» gezeigt. Sie leben und arbeiten in Zürich.

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen., dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Baltensberger+Siepert wurde von Damian Christinger am 26. Februar in Zürich geführt.