Hochsitz

Imaginierte Identitäten und ihre realen Auswirkungen

von Ruedi Widmer Ruedi Widmer, *1959, ist Kulturwissenschaftler und Kulturpublizist. Er leitet den Master Kulturpublizistik an der ZHdK und ist verantwortlich für die Plattform Kulturpublizistik. gepostet am 11. August 2020
  • Illustration: Leila Merkofer

Interview mit Fatima Moumouni

1. Woher wir kommen, woher wir reden

Ruedi Widmer: Wir widmen uns dem Thema Identität der Schweiz, genauer: Was sie einschliesst und was sie ausschliesst. Da ist es nicht unwichtig zu fragen, als wer wir sprechen. Zuerst kommt ein Vorname, dann ein Nachname, dann ein Komma – und dann, nach dem Komma, was kommt bei dir?

Fatima Moumouni: Gewohnheitsmässig wäre es Spoken Word-Poetin, wobei bei mir die Themen oft sozialanthropologische sind. Um alles abzudecken, was ich mache, müsste man vielleicht «Schreibende» sagen.

RW: Herkunft soll nicht zu dem gehören, was nach dem Komma kommt?

FM: Ich sage jeweils, dass ich aus Deutschland komme. Ich kam vor acht Jahren in die Schweiz, landete in einem Ethnologie-Studium in Zürich, und so wendete die ethnologischen Methoden auf die neue Wahlheimat Schweiz an. Das mache ich eigentlich bis heute. 

RW: Gibt es sonst noch etwas, was jemand, der dir zuhört, über dich wissen müsste, wenn es um Identität als Frage von Inklusion und Exklusion geht?

FM: Da würde ich noch hinzufügen, dass ich aus München komme, aus einer anderen sozialen Umgebung als derjenigen, in der ich jetzt lebe. Gerade beschäftige ich mich mit dem Thema der «Klassenzugehörigkeit» und merke, dass ich in der Schweiz irgendwie einer anderen Schicht zugehöre, als mein Umfeld in Deutschland. Ausserdem lasse ich extra aus, was mein Gegenüber hören will, wenn es fragt, wo ich denn «wirklich» «herkomme». Das, um darauf hinzuweisen, dass mir mein «von hier» oder «München» wichtiger ist, als man mir oft zuschreibt. 

RW: Wenn ich die Frage jetzt bewusst auch selber beantworte, dann würde ich sagen, man muss wissen, dass ich Journalist, Pädagoge und Bildungsbürger bin. Ausserdem ist wohl erwähnenswert, dass ich in einer Patchworkfamilie mit drei Personen verbunden bin, von denen zwei in Kuba ziemlich weit weg vom Bildungsbürgertum geprägt wurden. Die dritte Person, ein vierjähriger Junge, wächst jetzt mit einem spanisch klingenden Geschlechtsnahmen in dieser Schweiz auf, in der die Präsenz der Anderen, wie ich es nennen würde, immer sichtbarer wird. Was zeichnet aus deiner Sicht eine Schweiz aus, die gelernt hat, damit umzugehen?

FM: Im Vordergrund steht für mich eine ehrliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte, wie sie im öffentlichen und populären Diskurs rezitiert wird. Dazu gehört der Umgang mit bestimmten Begriffen, wie etwa dem der Neutralität. Wie neutral war und ist die Schweiz wirklich und zweitens: Ist Neutralität an sich etwas Positives? Es gibt Fragen, bei denen ein Land eine klare Position haben muss. Weiter glaube ich, dass eine postmigrantische Schweiz zwar um den Wert einer Konsenskultur weiss, aber keinen Konsens zwischen offenen und menschenfeindlichen Einstellungen zulässt. Gerade im Kontext von Rassismus-Debatten beobachte ich jedoch, wie man vom Demokratieverständnis à la «man muss mit allen reden» in einen ewigen Kreislauf gezwängt wird, mit Leuten sprechen zu müssen, die das Gespräch gezielt sabotieren. Die Grenze des Sagbaren wird in diesen Kontexten tendenziell nicht inhaltlich, sondern in der Tonalität gesetzt. So können Rassismus und andere Arten von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit mit einer Kultur der Höflichkeit, des Respekts und des Zuhörens koexistieren. Man stilisiert Konsens als hohen Wert und fragt nicht nach dem Preis, den man unter Umständen dafür bezahlt. Die Werte als solche stelle ich überhaupt nicht in Frage. Wenn die Schweiz ihre Werte ernst nimmt, sind die Chancen gross, dass sich alle Bürger*innen in ihr wohlfühlen.

2. Wer wen in die Minderheit versetzt

RW: In meiner Wahrnehmung gibt es in der Schweiz eine Mehrheitsgesellschaft insofern, als immer wieder markiert wird, wer voll dazugehört, wer nur bedingt, und wer gar nicht. Was hingegen wirklich geteilte Werte, und also kollektive Identität betrifft, gibt es sie nicht. Die Stimmen, die in der Summe ausgrenzend wirken, haben in Wirklichkeit nicht so viel gemeinsam. Mit anderen Worten: die homogene Kultur und Identität ist ebenfalls einer der Mythen, die in diesem Land gepflegt werden. Wie nimmst du das wahr?

FM: Ich stimme dem zu. Es sind nationale Narrative, und nicht eine homogene Kultur, die Ausgrenzung bewirken. Dennoch gibt es in diesem Land etwas, was ich anderswo so nicht finde: Ständig wird ein Unterschied markiert, ständig und wirksamer als anderswo wird ein «Wir da» manifestiert. 

RW: Was ich daran spannend finde: Diese Botschaft wird zunehmend auch von Leuten vermittelt, die in der zweiten oder dritten Generation «da» sind. Umgekehrt gibt es Leute mit blütenreinem Schweizer Stammbaum, wie zum Beispiel mich, die sich zunehmend davon distanzieren.

FM: Ich glaube, dass man sich der Vorstellung der Schweiz als Insel der Qualität und Güte ohne Reflexion darüber kaum entziehen kann. Die Schweiz hat nicht nur die schönsten Berge und die besten Werte, sondern auch die besten Kartoffelschäler und Unterhemden. Es gibt Werte, die als fast exklusiv schweizerisch vermittelt werden. Pünktlichkeit, Effizienz, Leistungsbereitschaft, Qualitätsbewusstsein. «Swissness» vermittelt die eigene Einzigartigkeit, das eigene Bessersein als Schweizer. Sich davon zu distanzieren ist schwierig.

3. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Anderen

RW: Die Frage der Identität ist mit der Frage der Sichtbarkeit verbunden. Da geht es beispielsweise um die Sichtbarkeit oder Präsenz nichtweisser Menschen in Medien. Wie würdest Du hier das Ziel formulieren?

FM: Das Ziel sollte sein, dass people of colour in einer ausreichenden Zahl sichtbar werden. Und zwar nicht, weil sie anders sind oder aussehen, sondern weil so der Bias behoben wird. Bevor das Ziel erreicht ist, ist es offenbar unumgehbar, dass people of colour wegen ihrer Hautfarbe, also quasi als «Quoten-Andere», eingeladen werden. Anders kriegt man den Bias, von dem ja viele glauben, dass es ihn gar nicht gibt, nicht weg. Das Ziel ist erreicht, wenn Marker wie Hautfarbe oder Name einfach keine Rolle mehr spielen. Aber der Weg ist noch lang.

RW: Kann es helfen, wenn in Institutionen wie z.B. Schulen oder Altersheimen die Menschen, die Herkünfte und die Prägungen real und sichtbar sehr gemischt sind?

FM: Ja. Machtpositionen, und das zählt, sind aber meist weniger divers besetzt. «Andere» Personen, die dort mitspielen dürfen, werden oft als Ausnahme charakterisiert. Man lobt dann beispielsweise deine akzentfreie Sprache und nimmt dich als Individuum grosszügig in die Whiteness auf.

RW: Wobei das Wir, das wissen und sagen könnte, wie man richtig spricht, immer weniger existiert.

FM: Das Wir mag ein Mythos sein. Wo es um politische Macht und politische Entscheidungen geht, hat es trotzdem Gewicht. Dann stehen beispielsweise Geflüchtete, oder Homosexuelle oder people of colour dem «normalen» und damit normativen «Schweizer» gegenüber. Was oder wie die Schweiz genau ist, ist eine Frage. Die andere, mir wichtigere Frage ist, wo sie ausgrenzende Wirkung hat. Das hat viel mit Sprache zu tun. Unten auf einem Formular kann dann z.B. stehen: «Unterschrift des Ausländers». Das sagt denke ich sehr viel. Das Wir kommt hier in aller Deutlichkeit und auch Plumpheit zum Ausdruck.

RW: Das leuchtet mir ein. So zeigt sich die dominante Whiteness der Schweiz. Wie ist es mit der Blackness oder Colouredness? Gibt es sie in einer Art und Form, in der sie in deinem Sinn politische Wirkung entfalten kann?

FM: Die Erfahrung, in der Schweiz schwarz zu sein, bzw. nicht weiss zu sein, ist etwas sehr Reales. Eine nichtweisse Gegenidentität ist deshalb möglich und auch notwendig.

RW: Kann oder soll das in der Schweiz gleich funktionieren wie beispielsweise in den USA oder Frankreich?

FM: Nein, denn people of colour haben in diesen Ländern eine ganz andere Geschichte. Nichtsdestotrotz ist die Schweiz Teil der Kolonialgeschichte, und also des Problems, von dem wir reden. Ihr Selbstverständnis als unbeteiligte Ausnahme hat, wie ich schon sagte, keine reale Grundlage. Ebenso muss ihr Selbstverständnis als nichtrassistisches Land befragt werden. Viele Leute, die als Nichtweisse Diskriminierung erfahren haben, werden jetzt, ausgelöst durch die Rassismusdebatte, und teils sehr spät in ihrem Leben, darauf aufmerksam. Gleichzeitig wird gesagt, dass es das Problem nicht gäbe. Also wir sind noch nicht in einem wirklichen Gespräch angekommen. 

 

Fatima Moumouni ist Spoken Word-Poetin und Schreibende. Im Programm des Theater Spektakel 2020 ist sie mit in einer Late Night-Show zusammen mit Laurin Buser vertreten. Mehr über ihre Auftritte und Projekte: fatimamoumouni.com.

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und ZollfreilagerZollfreilager, ein Internetmagazin der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), ist seit dem 7. Juli 2014 öffentlich. Zollfreilager wirft in journalistischen, reflektierenden und künstlerisch-experimentellen Formaten Schlaglichter auf Phänomene rundum Kultur, Kunst und Migration. Zu den Beitragenden gehören Studierende und Dozierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK sowie ein Netz von Korrespondentinnen, Mittätern und Komplizinnen aus allen Kontinenten und Disziplinen., dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Fatima Moumouni wurde von Ruedi Widmer am 30. Juli 2020 via Telefon geführt.

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