Im schweizer-deutschen Sprachgebiet

von Sophia Cosby Sophia Cosby, *1992, ist Kulturpublizistik-Studentin an der ZHdK. Vorher studierte sie Deutsche und Englische Literaturwissenschaft in Edinburgh. gepostet am 23. August 2014

Liebe Mama,

Wie hatte Frau Weisenstein immer zu mir gesagt? „Deutsche Sprache, schwere Sprache.“

Der Lateinunterricht hat mich so auch schon genug geplagt. Eine Lehrerin, die mich lächelnd zur Tafel rief, damit ich der ganzen Klasse meine schlecht gelungene Übersetzungsarbeit vorzeigen kann, war wirklich das Letzte. Aber jetzt bin ich älter und weiser geworden. Und in die Schweiz gezogen. Ich kapiere endlich, was mir die liebe Frau Weisenstein damals in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends im St. Josef Gymnasium Biesdorf mitteilen wollte.

Ach, Biesdorf. Ach, Deutschland. Es sind doch schöne Erinnerungen. Mutter, ich bin froh, dass wir ein Land teilen; dass wir im gleichen Ort aufgewachsen sind. Auch bin ich froh, dass ich in die deutschen Schule gegangen bin. Vielleicht war der Übergang zu einer amerikanischen High School nicht die beste Entwicklung für meine Sprachkenntnisse. Zu diesen vier Jahren kommen dann noch die drei Jahre Studium in Edinburgh. Kein Wunder, dass mein schriftliches und zum Teil auch gesprochenes Englisch ein wenig besser ist als mein Deutsch. Auch wenn ich mit beiden Sprachen aufgewachsen bin. Es war immer halb – halb, nicht? In Bitburg gewohnt, aber auf dem amerikanischen Militärstützpunkt. Morgens den deutschen Kindergarten besucht und nachmittags den amerikanischen. Während der Woche spielte ich mit den anderen Ami‑Kindern und am Wochenende fuhren wir ins Dorf zu Oma oder zu meinen Kusinen. Zum Glück erinnerte mich mein Auslandsjahr in Wien daran, wie schön das Leben auf dem Kontinent ist. Aber dass das nächste Ziel Zürich sein sollte, hätte ich mir nie gedacht.

Ich bin in guter Gesellschaft. Circa 280,000 deutsche Staatsbürger leben hier, die Mehrzahl davon Akademiker und Ärzte. Ich weiß, in einem Land von knapp acht Millionen Einwohnern ist das nicht besonders viel. Etwas weniger trivial ist es, hier anzukommen. Nicolas, der Romand, und ich, die halbe Deutsche, landeten damals auf dem Zürcher Flughafen, frisch aus Wien. Wie einfach, dachte ich, alles ist auf Deutsch angeschrieben. Wir setzten uns in ein Café und schon kam die Kellnerin. „Gruezi mitanand. Waas händ si gärn?“ Ich: stumm mit einem fragendem Blick. Nicolas: bestellt lässig zwei Tassen Kaffee und ein Stück Kuchen. Die Kellnerin: „Märssi“ und flitzt schon zur Küche. „Ich dachte, sie sprechen Deutsch hier!“, flüstere ich hitzig meinem Freund zu. „Das war Deutsch. Also, Schweizerdeutsch. Schwiizerdütsch.“ „Aber…so sprechen die doch nicht alle hier, oder?“ Er schenkt mir ein mitfühlendes Lächeln. Die Kaffees kommen. („En Guete.“)

And so it begins.

Manchmal scheint es, als ob Hochdeutsch, hier auch als „deutsche Standardsprache“ bezeichnet, für viele Schweizer eine Fremdsprache sei. Und auch umgekehrt. Nach einem halben Jahr in Österreich hatte ich den Eindruck, deutsche Dialekte ziemlich gut zu verstehen. Das Eifeler Platt deiner Familie und die luxemburgische Variante verstehe ich ja auch. Aber auf einmal kommt diese komische Betonung, diese ganz andere Sprachmelodie, und auch eine etwas andere Grammatik auf mich zu, und ich stehe da wie ein verschrecktes Reh im Scheinwerferlicht.

Damit will ich nicht sagen, dass die Mundart nicht charmant ist. Schwiizerdütsch klingt etwas langsam, fast zu locker, oder unernst. Da alles mehr aus dem Bauch gesprochen wird, fließt der schweizerische Satz besser, die Worte sind nicht so getrennt wie auf Hochdeutsch, und ich finde, es klingt viel sympathischer. Doch trotz meinem Bemühen, das Schweizerdeutsch zu verstehen, muss ich meistens nach mehreren „Wie bitte?“ und „Könnten Sie das vielleicht wiederholen?“ einfach bitten, ob mein Gegenüber, mir zuliebe, zum Hochdeutsch wechseln könnte. Seufzen. Augenrollen. Peinlichkeitsverdacht.

In einem Gespräch zwischen einem Deutschen und einem Schweizer wird meistens Hochdeutsch gesprochen, wobei sich manche Schweizer offenbar dabei vielleicht nicht ganz wohl fühlen, sich sogar im Nachteil sehen. Dieses Unbehagen bemerkt der Deutsche aber nicht. Er ist damit beschäftigt, auf seine Schweizerdeutschkenntnisse stolz zu sein. Manchmal meint er gar, dass sein Gegenüber Schweizerdeutsch spricht, obwohl dieser es als Hochdeutsch einstufen würde. Ganz oft schleichen sich unbewusst mundartliche Wörter und Phrasen ins Schweizer Hochdeutsch ein, wo sie sich als „Helvetismen“ einbürgern. Man fährt Velo anstatt Fahrrad, ich schicke dir ein Mail und nicht eine Mail, zum Abendessen gibt es Pizza mit Peperoni (Paprika,) und ich trage all meine Einkäufe in einem Sack, the artist formerly known as Tüte, nach Hause.

Die Abweichung des deutschen Sprachverhaltens von dem schweizerischem ist bemerkenswert. Meine Eifeler Landsleute habe ich schon immer als etwas spiessig empfunden, und dieses Verhalten wiederspiegelte sich auch in der Sprache. Wo in Deutschland das „Bitte“ und „Danke“ schwunglos gemurmelt wird, bekommen diese Höflichkeitswörter in der Schweiz neues Leben: ausgeprägter und auch ernstgemeint. Generell wirken die Deutschen sprachlich etwas aggressiv. In der Schweiz werden Treffen mit Familie, Freunden, und Kollegen zuerst mit höflichen Smalltalk eingeleitet; wenn einer spricht, wird er nicht unterbrochen, und es wird ihm auch aufmerksam zugehört. Ich habe das Gefühl, wenn ich mich mit Einheimischen unterhalte, dass sie wirklich an meiner Meinung oder an meinen Gedanken interessiert sind.

Vor kurzem war ich im Orell Füssli, einer Buchhandlung, wo ich nach etwas Unbeschwertem für den Sommer suchte. Ich brachte meine Auswahl zur Kasse. Die Kassiererin scannte den Artikel, sagte mir den Preis auf Schweizerdeutsch, aber noch bevor ich ihr antworten konnte fragte sie: „Oder soll ich es auf Hochdeutsch sagen, den Preis?“ Verlegen antwortete ich, dass es auch so ginge, ich wäre nämlich dran, Schweizerdeutsch zu lernen. Es dauert halt etwas länger als geplant. Sie erzählte mir, dass es jetzt schon so viele Deutschsprachige in Zürich gäbe, dass sie sich nicht mehr sicher wäre, welche Deutschvariante sie verwenden sollte. Für mich passt beides, ich will Schweizerdeutsch wirklich verstehen können. „Und vielleicht“, meinte ich, „komme ich in ein paar Monaten wieder, und dann können wir uns auf Schweizerdeutsch unterhalten.“ Die Antwort war die einer guten Geschäftsfrau: „Kommen sie doch schon früher, es geht ja auch auf Englisch.“

So, liebe Mutter, dann muss ich mal los. Bei deinem nächsten Zürich Besuch kann ich uns hoffentlich einen Kafi und Rüeblikuchen bestellen, ohne Nicolas’ Hilfe.

Liebi Grüess,

Sophia