Hong Kong Travelougue – Tag 4: Besuch bei Jaffa

von Claudio Bucher Claudio Bucher, *1980, macht hauptberuflich volkstümliche Musik ohne Volkstum (frei nach Jörg Scheller), klatscht eher laut und studiert im Master Kulturpublizistik. gepostet am 28. November 2014

Jaffa Lams Werke sind grösser als sie, genug gross, um sich hinter ihnen zu verstecken, von ihnen umarmt zu werden. Riesige Kugeln, bemalt mit Bleistiftbällen, ein gebogenes Schwimmsprungbrett aus Holz, Papierflugzeuge aus weissem Blech. Sie arbeitet mit Gras und Ziegelstein aus West Kowloon, statt Leim benutzt sie Wachs, geschmolzen im Reiskocher.

Wir besuchen die Künstlerin in ihrem Atelier in Fo Tan, Sha Tin, New Territories. In den Strassen riecht es nach Fish Balls, die man in Hot Pots kocht. Seltsam gummige Konsistenz, kein Ding für Touristen. Äusserlich bildet die grösste Künstlergemeinschaft Hong Kongs einen Inkognito-Art-Cluster: keine White Cube Galleries auf Strassenhöhe, keine Cafés, um sich via Wifi im Fo Tan Art Village zu taggen. Einmal im Jahr öffnen die Ateliers die Türen für das Publikum, 6’000 bis 10’000 Besucher in zwei Wochen. Wirklich vorstellen kann man sich diesen Menschenauflauf hier nicht: Die 70 bis 100 Ateliers sind verteilt auf ein paar einzelne Warehouses, die Gänge dazwischen eng und zugestellt. 

Über 200 Künstler haben in Fo Tan ihre Ateliers. Jaffa Lam hat sich ihres vor ein paar Jahren gekauft, bevor sich die Preise aufgrund der Revitalisierung vervierfachten. Ein Austausch untereinander findet statt, wenn auch nur vereinzelt. Trotzdem ein Gefühl der Solidarität: Nachts zu wissen, dass noch andere ein paar Wände weiter auch nachdenken, verwerfen, verzweifeln, feiern. Arbeiten. Egal, ob um an die Spitze zu gelangen, zum Durchbruch und an internationale Ausstellungen, oder einfach, weil es getan werden muss, weil man sonst keine Rolle im Gefüge der Stadt finden kann oder will. 70 Prozent der Künstler sind zwischen 20 und 40, über die Hälfte verdient umgerechnet weniger als 1’800 Schweizer Franken im Monat. Der grösste Teil ist doppel-beruflich Künstler: Shop-Angestellte, Eisverkäufer oder, wie in Jaffa Lams Fall: Teilzeit-Lehrerin, ein bis zwei Tage pro Woche.

Jaffa Lam will unabhängig bleiben, will Vorbild sein für ihre Studierenden, vorleben, dass man in Hong Kong auch Künstler sein kann, ohne in der Logik des Markts funktionieren zu müssen. Sie mag weder Wettbewerbssituationen noch Networking zum Selbstzweck. “Ich weiss nicht, wie ich mich an grossen Dinners verhalten soll.” Ihre Arbeitsweise nennt sie Micro Economy. Arbeitet sie mit Stahl, dann mit den Werkstätten im Parterre statt mit den billigeren Alternativen in Mainland China. Für ihre Parachute-Serie stellte sie arbeitslose Näherinnen der Hong Kong Women Worker’s Association ein. Fallschirme ermöglichen eine sanfte Landung: Für die Low Skilled Arbeiterinnen wie für andere Verlierer des Arbeitsmarkts in Hong Kong spannt die Stadt wenig Netze. Die Industriejobs haben sich nach Mainland China oder Bangladesch verlagert, für die älteren Low Skilled Workers gibt es wenig Möglichkeiten, in der kompetitiven, wissensbasierten Wirtschaft und ihrer jungen, gut ausgebildeten Arbeiterschaft einen Platz zu finden. In der freiesten Wirtschaft der Welt erfolgt auch der freie Fall dem Prinzip der positiven Nicht-Intervention. Die riesigen Fallschirme Jaffa Lams sind Flickenteppiche aus gefundenen Regenschirmen, die durch Typhoons zerstört wurden. Regenschirme, die keinen Schutz mehr geben können.

Die Care Orientation zieht sich durch Jaffa Lams Werk. In Bangladesh stellte sie Portraits von lokalen Arbeitern in staubigen Jacken aus. Hommagen an Anonyme, mit Gold umrahmt. Es geht ihr um sozialen Selbstwert und Menschenwürde, es sind kleine Bewegungen in kleinen Gemeinschaften, Schulungen der Achtsamkeit und des gegenseitigen Respekts, Plädoyers für soziale Inklusion, urbanes Miteinander: Kunst als Dienst an der Gesellschaft.

Mit Vielen hat sie es sich verspielt in der Stadt, meint Jaffa Lam. Sie spricht von Entscheidungsträgern, Leuten mit Einfluss, wie dem Direktoren des zukünftigen Vorzeigemuseums M+, Lars Nittve. Oder Organisatoren ihrer Holz-Workshops, die ihr raten, mehr davon zu veranstalten. Sie findet das jedoch konträr zur Absicht ihrer Recycling-Arbeit mit Holz und kritisiert ihren Arbeitgeber öffentlich: Mehr Workshops bedeutet mehr Abfall. Wenn Nachhaltigkeit gelehrt werden soll, seien solche Workshops widersprüchlich, bei allen guten Absichten der Kunstvermittlung. Die Vierzigjährige spricht viel und schnell, hört aber auch aufmerksam zu. Wird laut, wenn sie auf einzelne Galeristen der Stadt angesprochen wird: “This guy, I hate him!” Ihre Mutter habe ihr immer wieder gesagt, sie solle sich den Hong Kongern anpassen, den Leuten keine hard feelings geben. Be smooth.

Jaffa Lam kam mit zwölf aus Fujian, Südostchina, nach Hong Kong, mit Schwester und Mutter. Letztere arbeitet hart, drei Jobs gleichzeitig. Nachmittags in der Textilfabrik, nachts als Krankenschwester, danach Lebensmittel einkaufen und in den zwölften Stock schleppen und der Schwester zum Kochen übergeben. Für den Kunstpreis in der Sekundarschule lobt die Mutter die junge Jaffa. Den Wunsch, Künstlerin zu werden, redet sie ihr nicht aus.

Der Arbeitswille, das Aufopfern ihrer Mutter hat Jaffa Lam geprägt. Sie arbeitet, soviel sie kann. Bereits jetzt stehen für Mai 2015 schon fünf Ausstellungen in ihrer Agenda, dazu organisiert sie Austauschprogramme, trifft sich wöchentlich mit der Hong Kong Women Worker’s Association. “Niemand will Fehler machen, wenn man gesehen hat, wie hart jemand für einen gearbeitet hat. Ich will für meine Familie sorgen können.” Sie sagt: Ein Kind grosszuziehen sei ein Kunstwerk. Für die Kunst verzichte sie darauf.

Immer wieder laden sie westliche Institutionen ein. Die Kunst hat Jaffa Lam durch die ganze Welt geführt, New York, Kenya, Toronto, Hamburg. Auf die Frage nach der prägendsten Erfahrung erzählt sie von den zehn Tagen in Bangladesch: Da sei der Kontrast zur Lebenssituation in Hong Kong am grössten gewesen. Transkultureller Austausch zur Legitimation der eigenen Umstände. Zehn Tage Meditation zur Demut.

Sie schwärmt vom Zufallsmoment beim Aufeinandertreffen in internationalen Austauschprojekten, den Dynamiken, die ungedacht Neues zum Vorschein bringen. Chaos. Wir wollen sie einladen an den Public Talk am nächsten Tag im Connecting Space der ZHdK in North Point, Hong Kong Island. Unseren Ort des Austauschs. Sie bedankt sich und lädt uns im Gegenzug zu ihrem Treffen mit der Hong Kong Women Worker’s Association ein. Die Termine kreuzen sich. Bevor wir uns verabschieden, zeigt sie uns ihr Stammrestaurant in einem Shopping Center, neben einem Spielwarenladen. Curry-Nudeln für zwei Franken. Wir sind die einzigen hier, es ist ruhig. Ich stelle mir das künftige Toni-Areal der ZHdK vor, die Bibliothek mit gepolsterten Sesseln und weitem Ausblick, Kantinen mit Avocado-Sandwiches, Cafés, eine Bar mit Basilikum-Cocktails und global-urbaner Musik mit leichter Schwermut. Sehr gemütlich. Kunst ist Arbeit, ein Struggle, ein Aufopfern. Stahl schweissen.

Quellen zum Text:

Der Travelogue von Claudio Bucher entstand in einem Studienprojekt von Michael Schindhelm, das von Connecting Spaces, dem  in Hong Kong verorteten Internationalisierungsprojekt der ZHdK, koordiniert wurde. In der Printpublikation Why Hong Kong (Erscheinungstermin Januar 2015) sind neben dem Travelogue auch grössere Beiträge von Brandon Farnsworth (Master Transdisziplarität) und Patrick Kull (Master Fine Arts) versammelt.

http://www.connectingspaces.ch/why-hong-kong/