Hong Kong Travelogue – Tag 5: Connecting Space

von Claudio Bucher Claudio Bucher, *1980, macht hauptberuflich volkstümliche Musik ohne Volkstum (frei nach Jörg Scheller), klatscht eher laut und studiert im Master Kulturpublizistik. gepostet am 28. November 2014
  • Foto: Nigel Gregory (ng:studio)

Die Stadtforschung endet am anderen Ende des Tunnels: Im Connecting Space der ZHdK in North Point, Hong Kong Island, an der 18-20 Fort Street.

Die Fort Street gibt es seit der frühesten Kolonialzeit. Um 1880 war hier die Küstenbefestigungsanlage der Briten, am nördlichsten Punkt von Hong Kong Island: Vier Kanonen und ein Munitionslager, um die junge Victoria City vor Angriffen Chinas zu schützen. Der Connecting Space liegt auf dem Grund des jahrhundertealten Dorfes Tsat Tsz Mui, gebaut auf sieben Felsen, die der Volkserzählung nach entstanden sind, nachdem sich hier sieben Schwestern Hand in Hand ins Meer stürzten. Die sieben Felsen und das Land zwischen dem Connecting Space und dem Meer wurden in den 1920er Jahren aufgeschüttet, reclaimed, um Raum zu schaffen für eine wachsende Industrie: eine Glasfabrik, eine Druckerei, ein Kerosin-Öl-Depot.

North Point als Ort der Rekreation, mit Bambuspavillons und Yacht Club an der Küste, wandelte sich in den 1950er-Jahren zum dicht besiedelten Handelsviertel. Flüchtlinge des chinesischen Bürgerkrieges brachten Kapital wie Geschick, aus North Point wurde Little Shanghai. Heute sind nach mehreren Episoden des Urban Renewals, der Public Housing Programs, um die explosionsartig wachsende Bevölkerung unterzubringen, von den Old Shops Little Shanghais nicht mehr viele zu sehen. Steigende Mietzinse erhöhen zusätzlich den Druck auf Kleinbetriebe. 15’000 Schweizer Franken kostet in der Fort Street die Monatsmiete für einen Shop mit 5.8 Meter-Strassenfront auf Street Level. Das können sich nur wenige leisten: In der Stadt mit dem geringsten Anteil an Autobesitzern aller Industrieländer bauen Garagen hier Luxuskarosserien um, ein vegetarisches Restaurant serviert Crevetten mit Pampelmuse in grossen Metalllöffeln, und eine Schweizer Kunsthochschule bietet einen weiten Raum für Kunst, eine Insel der Anonymität, ganz in weiss. Ganz in weiss, ein noch unbeschriebenes Blatt.

 

Der Connecting Space der ZHdK in Hong Kong ist ein offener Raum. Durch die Rolltore lässt er sich mit dem Aussenbereich verbinden. Der innen wie aussen verwendete rohe Asphalt oder Beton unterstützt die Verbindung von neutralem Kunstraum und belebter Strasse. Mädchen in türkisen Schuluniformen spähen beim Vorbeigehen kurz hinein, eine Frau mit vier weissen Einkaufssäcken bleibt stehen. Der Raum ist noch nicht angeschrieben. Sie fragt uns nicht, was hier ist, wir gehen nicht auf sie zu.

Besonders viele Locals sind nicht gekommen: Es ist Donnerstag, 18:00 Uhr, das Zielpublikum ist noch am Arbeiten. Die Hong Kong-Chinesen arbeiten täglich durchschnittlich 1.5 Stunden länger als die Schweizer, jeder Zehnte über 60 Stunden pro Woche. (Eine Änderung der Arbeitszeitenregelung ist in Public Consulting, erste Ergebnisse werden 2016 erwartet.) Für den Grossteil der Bevölkerung bleibt wenig Zeit für Podiumsdiskussionen über Kunst.

Nach dem Public Talk versammeln sich die Anwesenden auf dem Vorplatz. Der Raum ist noch nicht klimatisiert, zu heiss. Zu kalt, wenn man vor den kurzfristig gemieteten Ventilatoren sitzt. Hong Kong wird permanent unterkühlt. 冷氣機, Kaltluftmaschinen, beanspruchen im Sommer bis zu 60% des städtischen Stromverbrauchs.

Vor dem Space ist es angenehm warm, wie die gesamte Woche schon. 25 Grad bei 60% Luftfeuchtigkeit. Der stellvertretende Schweizer Generalkonsul Erwin mit Schnauz und Fotoapparat um den Hals, ein Kumpeltyp (ein Kollege: he looks like a typical Swiss tourist), hat für Wein gesorgt. Erwin kenne ich bereits: Im März hat er noch auf der China-Tour meiner Band auf der Bühne fotografiert und geklatscht, in der Academy for Performing Arts in Wan Chai. Danach im Keller des Hotels eine Party geschmissen für alle, mit Tacos und Gin Tonic.

Für rhythmische Livemusik ist der geöffnete Innenraum des Connecting Space nicht gemacht. Die vom Konsul geladene Band Europa. Neue Leichtigkeit spielt ihren Rumba der Dekadenz ohne Publikum. Der White Cube verschmiert akzentuierte Schläge, die Message der neuen Leichtigkeit, der Wortwitz kommt nicht an. Der Raum ist lauter als der Sender.

 

Die Stimmung vor dem Space ist heiter. Hier treffe ich den lokalen Künstler Lee Kit (36), mit Zigarette und bis zum Rand gefülltem Rotweinglas. 2013 hat er alleine Hong Kong an der Biennale in Venedig vertreten. Im Mittelpunkt seiner Ausstellung standen zwei traditionelle Hong Konger Security Booths, die er einschiffen liess. Einen davon mit Sonnenschirm auf dem Dach: Ein Motiv, das er lange schon realisieren wollte. Medial war es die erfolgreichste Hong Konger Präsenz an der Biennale. Der Summary of the Evaluation Report on the Venice Art Biennale 2013 des Hong Kong Arts Development Council (HKADC) zählte 109 Media Reports, so viele wie noch nie. Es war die erste Kollaboration des HKADC mit einer externen Institution, in diesem Fall mit dem M+. Zur Eröffnung organisierte Chefkurator und Museumsdirektor Lars Nittve ein Gala-Dinner zu Ehren Lee Kits im Fischmarkt Venedigs, mit über 200 Gästen aus Nittves erweitertem Netzwerk: Kuratoren, Kunstkritiker, Museumsdirektoren und internationale Kunstsammler wie Uli Sigg. Die Ausstellung und deren mediale Strahlkraft diente beiden Institutionen: Zum einen repräsentierte Lee Kits Ausstellung die Hong Konger Kunstszene in der internationalen Kunstwelt, zum anderen fungierte sie als internationales Debüt des gemäss aktuellem Planungsstand 2018 eröffnenden M+, mit der weltweit grössten Sammlung an chinesischer Gegenwartskunst. Die Kosten, 10 Millionen HK$, ein historisches Rekord-Budget der Hong Konger Repräsentation an der Biennale, wurden geteilt. Schlecht aufgenommen wurde die HKADC/M+-Biennale in der Hong Konger Kunstszene. Nicht wegen dem respektierten Lee Kit, sondern wegen des Entscheides des HKADC, auf eine öffentliche Ausschreibung zu verzichten. Zuvor wurden die Kuratoren aufgrund eingesandter Vorschläge gewählt. Bei einer Podiumsdiskussion im gefüllten Fringe Club stellten sich die Verantwortlichen des ADC und des M+ den Fragen und Vorwürfen. Zu einer Verständigung kam es nicht, zu gross ist die Unsicherheit und das Misstrauen in der lokalen Kunstszene. Nittve kommentierte in der South China Morning Post: “We shouldn’t confuse our longing for political democracy with artistic democracy.” Ein Zitat, das zu noch mehr Kontroversen führte.

Lee Kit hielt sich aus der Diskussion heraus, bedauerte jedoch, dass das M+ beschuldigt wurde, handelte es sich doch um einen internen Entscheid des HKADC. Seiner internationalen Karriere hat die Konstellation auf jeden Fall zu mehr Aufmerksamkeit verholfen. Darüber sprechen wir nicht vor dem Space. Er erzählt von sprachlichen Unterschieden, die er in Beijing erfahren hat. Kantonesisch “ein Taxi erwischen” heisst in Mandarin rauh: “hit a cab.” Er mag die Mehrdeutigkeiten fremder Sprachen, bis vor ein paar Jahren habe er ausschliesslich in Englisch gedacht. Die chinesische Regierung ist kein Freund von Mehrdeutigkeiten: Seit den Guangdong National Language Regulations aus dem Jahr 2012 werden staatliche Sender, der Unterricht und Konferenzen in der an Hong Kong grenzenden Provinz ent-kantonisiert. Hong Kong selbst ist von der Regelung nicht betroffen, ein Land, zwei Systeme.

 

Hong Kong als Standort des Connecting Space und des auf Herbst 2015 geplanten Study Centers war an der ZHdK umstritten. Hong Kong sei zu teuer und vor allem zu westlich, zu wenig China. Die Kritik ist verständlich. Hong Kong passt nicht in die Vorstellungen des Westens, wie China auszusehen hat, entspricht nicht dem in stillen Dokumentarfilmen dargestellten bettelarmen Reisbauern, nicht dem wanderarbeitenden Reisbauern, der in den neuen urbanen Zentren in den Mittelstand aufzurücken versucht, um die Ausbildung der Tochter und deren Aufstieg in den wissensbasierten Arbeitsmarkt der Zukunft zu finanzieren. In den südlichen Sonderwirtschaftszonen, die in den 80ern geschaffen wurden (Deng Xiaoping: “build more Hong Kongs”), hat der kapitalistische Wandel bereits kurz nach der Öffnung Einzug gehalten. Hong Kong hat die Stufe der Industriegesellschaft schon längst überschritten. In Hong Kong sehen wir jetzt, wie China morgen aussehen kann.

Hong Kong als Schmelztiegel zwischen Ost und West zu benennen ist Reisebroschüren-Jargon. Binäre Zuordnungen scheitern schon auf den zweiten Blick, bei jedem weiteren verfranst, wuchert das Bild, werden neue Verflechtungen offenbar. Eine Stadt im Space of Flow. Mediatisierten Bildern ist schwer zu entkommen: Diese Arbeit beginnt mit Wolkenkratzern, gipfelt in Protesten. Wieviel hat Wong Kar-Wai mein Hong Kong für immer geprägt, Jahre vor der ersten Landung? Wie meinte doch Oscar Wilde bereits 1889: “Die Dinge sind, weil wir sie sehen, und was wir sehen und wie wir sehen, hängt von den Künsten ab, die uns beeinflusst haben.” Die Welt sieht anders aus durch die Kunst.

Das massenmediale Narrativ Hong Kongs im Westen ist meist reduziert auf das Verhältnis zu China, David gegen Goliath, Gut gegen Böse, Demokratie gegen Nobelpreisträger-inhaftierende Diktatur. Es ist die Zensur in China, das Verbot von Filmaufführungen, die es in unsere Schlagzeilen schaffen, nicht die Vorführungen hinter verschlossenen Türen, von Polizisten geduldet. Die durchaus nötige mediale Reduktion von Komplexität nimmt bei einem Land, das mehr Einwohner hat als die USA und Europa zusammen, den Charakter von Comic-Strips aus Kaugummiverpackungen an. Doch die Vielfalt Chinas wird in den nächsten Jahren zu uns dringen, hochqualitative Kulturgüter. China wird urbane Geschichten erzählen, fern von Orientalismen oder Gangnam Styles.

Die lokale Lage unseres Spaces in North Point scheint auf den ersten Blick ein wenig abseits, weder im hypen Sheung Wan, noch in Chai Wan mit seinen Kollektivbüros und Ateliers. Konsultiert man die Stadtgeschichte, sind wir hier jedoch genau richtig: Zu Fuss nur fünf Minuten entfernt vom Connecting Space entstand um 2000 der erste organisch gewachsene Creative Cluster Hong Kongs, das Oil Street Artist Village. Symbolisch in einer Phase der restriktiven Wirtschaftspolitik: Um den überhitzten Immobilienmarkt in der Asien-Krise um 1997 zu beruhigen, stoppte die Regierung den Verkauf von Immobilien und vermietete die unbenutzten Gebäude an der Oil Street für Tiefstmieten (2 HK$ pro Quadratfuss) kurzfristig an Künstler, Kunstorganisationen und Photographen. Nach der Zwangsräumung des Gebiets entstanden Ballungen von Künstlerateliers in Industriezonen an der Peripherie, zum Beispiel in Fo Tan.

Die Regierung versucht das Gebiet um die Oil Street nun wieder zu beleben: Seit 2013 funktioniert der ehemalige Royal Hong Kong Yacht Club (1869) als Kunstzentrum Oi!. Eine Institution, dem lokal-lokal als Connecting Space eine besondere Bedeutung für unseren Connecting Space zukommen könnte: zum einen wegen der unmittelbaren Nähe, zum anderen wegen Oi!’s unmittelbarer Nähe zur lokalen Bevölkerung.

Lee Kit betrachtet Hong Kong lieber aus der Distanz. Seit er vor zwei Jahren aus dem Inkognito-Art-Cluster Fo Tan nach Taipeh gezogen ist, sei sein Blick auf die Stadt klarer geworden. Ein nahes Exil, nahe genug, um jederzeit zurückfliegen zu können zu Familie und Freunden.

Das M+ zeigte seine Biennale-Ausstellung dieses Jahr dem Hong Konger Publikum. Lee Kit ergänzte die Installation um eine Videoarbeit, die er auf Hong Kongs Zeitgeist 2014 entwarf: Nahaufnahmen von berstenden Würsten auf einem Grill. Bevor Lee Kit aufbricht, frage ich ihn, welchen Sound Hong Kongs er am meisten vermisst in Taipeh. Er sagt: 

I miss the noise.

Und zeigt auf die Baustelle vis-à-vis des Connecting Space.

Quellen zum Text:

Der Travelogue von Claudio Bucher entstand in einem Studienprojekt von Michael Schindhelm, das von Connecting Spaces, dem  in Hong Kong verorteten Internationalisierungsprojekt der ZHdK, koordiniert wurde. In der Printpublikation Why Hong Kong (Erscheinungstermin Januar 2015) sind neben dem Travelogue auch grössere Beiträge von Brandon Farnsworth (Master Transdisziplarität) und Patrick Kull (Master Fine Arts) versammelt.

http://www.connectingspaces.ch/why-hong-kong/