Hong Kong Travelogue – Tag 3: Hong Kong is disappearing

von Claudio Bucher Claudio Bucher, *1980, macht hauptberuflich volkstümliche Musik ohne Volkstum (frei nach Jörg Scheller), klatscht eher laut und studiert im Master Kulturpublizistik. gepostet am 26. November 2014

“Ich hasse die Kunstmesse. Es ist hier furchtbar für einen Künstler.” Wir treffen Kwan Sheung Chi an der Art Basel, unmittelbar nach dem VIP Brunch am Tag der Eröffnung. Es ist Private Preview, das Publikum international und ausgewählt. Ein Blogger im Lederrock, geschminkte Schönheiten in durchsichtigen Blusen und jede Menge Ü45er vom Typus Kantonalbank Global. Überraschend jung wird das Publikum der Art Basel Hong Kong in den nächsten Tagen sein. Für die vermehrt an Kultur und Kunst interessierte, urbane Post-80er-Jugend Chinas gibt es eine Bezeichnung: 文藝青年, wenyi qingnian, chinesische Hipster, die nach Individualismus streben. Wie im Westen bezeichnen sich auch chinesische Hipster nicht als solche. Das ist Teil der Distinktion.

Wir verabreden uns in der UBS Collector’s Lounge. Der Käufer ist König im deep pocket market. Man sitzt an Smartphones in Sesseln von Herman Miller oder schart sich stehend in kleinen Grüppchen geballter Einkaufskraft. Audemars Pigue bewirbt mit replizierten Jurafelsbrocken 30’000 Franken teure Uhren. Der aufwändigen Auftrags-Videoinstallation links wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt, man begutachtet die ausgestellten Armbanduhren in beleuchteten Vitrinen rechts. 

Chis Werk doing it with Mrs Kwan… making Pepper Spray wird dieses Jahr an der Art Basel in der neuen Video-Sektion gezeigt: Eine lockere Kochsendung, in der seine Frau vorführt, wie man Pfefferspray herstellt. In einem anderen Teil dieser Serie steht Chi selber vor der Kamera und stellt den Exit-Bag vor: eine Erstickungstüte als günstige Methode des un-assistierten Selbstmords.

Am Ende seiner nächsten Ausstellung wird der 34-Jährige sein Blut versteigern. Nachdem er eine Woche keine feste Nahrung zu sich genommen, nachts auf Schlaf verzichtet, keine Zigaretten geraucht und keinen Alkohol konsumiert hat. Die Galerie ist 24 Stunden geöffnet und Chis Zuhause in der Zeit. Ein Plädoyer an die ökonomische Nutzlosigkeit, eine Kulturproduktion ohne materielles Produkt, das verkauft werden kann. Einziger Geldtransfer: Die Blutversteigerung am letzten Tag. Der Struggling Artist, der sich der Marktlogik nicht unterwirft. Die Front der Galerie wurde für diese Ausstellung herausgerissen: All Access, das Publikum soll aktiv teilnehmen. Der Künstler führt durch Diskussionsrunden und Film Screenings, die Galerie wird umfunktioniert zur interaktiven Begegnungsstätte.

Chi will aufmerksam machen auf die Funktionen des Künstlers als nicht-unternehmerischer Produzent von Gedankengut, als unabhängige Stimme im öffentlichen Diskurs. ART ist in Hong Kong in Caps Lock geschrieben, gemeint sind damit in der öffentlichen Wahrnehmung meistens Erscheinungen des internationalen Kunstmarktes, des drittgrössten nach London und New York. Chi beklagt sich, dass Kunst in Hong Kong noch immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreicht. “Als Künstler fühle ich eine Distanz zwischen den Künstlern und der ärmeren Bevölkerung Hong Kongs.” Von den geplanten Mammutprojekten wie dem West Kowloon Cultural District werden aus seiner Sicht nur Wenige profitieren. Ein Fünftel der Hong Konger lebt unter der Armutsgrenze, Arbeitszeiten sind nicht geregelt, Gewerkschaften schwach, Freizeit rar.

Doch Chi ist pragmatisch, sieht langfristig Potential für solche Kultur-Grossprojekte. Er sieht vor allem dann Nutzen, wenn die Institutionen den direkten Kontakt zur Bevölkerung suchen. Für eine Teaser-Aktion des entstehenden M+-Museums, M+ Mobile, liess er 2012 vom Produktionsbudget eine Hong Kong Core Values-Goldmünze pressen. Auf den Strassen Yau Ma Teis in Kowloon fragte er Passanten nach ihren Vorstellungen der Grundwerte Hong Kongs. Wer am Ende per Los gezogen wurde, durfte entscheiden zwischen der Goldmünze oder dem Wahrwerden der notierten Grundwerte. Auf dem Gewinnerzettel stand Long Hair.

Leung Kwok-hung Long Hair ist ein Che Guevara-T-Shirt tragendes Urgestein der Hong Konger Pan-Demokraten, das im Kongress mit Bananen auf Abgeordnete wirft oder mit Hell Money, dem Papiergeld, das für Verstorbene verbrannt wird. Ein Protest gegen die fehlende staatliche Fürsorge für die ältere Bevölkerung Hong Kongs. Er ist eine Symbolfigur, ein Volksheld, vielleicht eine Art Blocher der Hong Konger Demokratie. Long Hair behielt die Münze für sich, konkreter: für seine Partei. Er versteht seine Skandal-Aktionen im Parlament als Promotion für die Anliegen seiner Partei, in erster Linie für ein allgemeines Wahlrecht und mehr soziale Gerechtigkeit. Im Sommer dieses Jahres wurden Mails geleaked, aus denen hervorgeht, dass er vom Medienmogul Jimmy Lai, Verleger des grössten Nicht-Pro-Beijing-Mediums Apple Daily grössere Spenden erhielt, die er nicht deklarierte. Ein rentables Austauschgeschäft im Namen der Demokratie: Virale Videos gegen Parteispenden. Eine Untersuchung läuft gegen beide.

Chi sitzt mit grossem schwarzen Rucksack auf dem grauen Sofa vor uns. Er hat Foto-Equipment dabei für einen kleinen Auftrag eines Magazins. Letztes Jahr gewann er den gut dotierten Hugo Boss Asia Art Award. Zuvor arbeitete er auch schon mal ein halbes Jahr bei McDonalds, um seinen Künstlerberuf zu finanzieren. Lehrer werden wie viele seiner Kollegen könne er sich nicht vorstellen. Ich frage ihn, wie er Hong Kongs Zukunft sehe. “Schlecht. Auch das Essen wird schlechter.” Und privat? “Ich bin pessimistisch, was Hong Kongs Zukunft unter dem Einfluss der Pekinger Regierung angeht.” Ob er mir zum Abschluss ein paar positive Veränderungen seit dem Handover nennen kann? Er macht eine lange Pause. “Ein paar sehen welche. Ich nicht.”

Quellen zum Text:

Der Travelogue von Claudio Bucher entstand in einem Studienprojekt von Michael Schindhelm, das von Connecting Spaces, dem  in Hong Kong verorteten Internationalisierungsprojekt der ZHdK, koordiniert wurde. In der Printpublikation Why Hong Kong (Erscheinungstermin Januar 2015) sind neben dem Travelogue auch grössere Beiträge von Brandon Farnsworth (Master Transdisziplarität) und Patrick Kull (Master Fine Arts) versammelt.

http://www.connectingspaces.ch/why-hong-kong/