Hong Kong Travelogue – Tag 2: We need a Riot

von Claudio Bucher Claudio Bucher, *1980, macht hauptberuflich volkstümliche Musik ohne Volkstum (frei nach Jörg Scheller), klatscht eher laut und studiert im Master Kulturpublizistik. gepostet am 26. November 2014
  • Foto: Mandy Yeung

Wir sitzen im Kreis auf gelben Plastikhockern mitten in der Strasse, es ist kurz nach 21:30 Uhr, die Strasse ist hell beleuchtet, eine Flutlichtlampe von einem anderen Restaurant blendet uns. Wir sind in der Tang Lung Street in Causeway Bay, einer schmalen Strasse direkt hinter der Hennessy Road, einer der meistbefahrenen auf Hong Kong Island. Seine Kolonialgeschichte erzählt Hong Kong mit Strassennamen: Governor John Pope Hennessy hatte um 1880 massgeblich Einfluss auf den Entwicklungsboom der jungen Stadt, er hob die Verbote für Chinesen auf, Land zu kaufen, Häuser zu bauen und überhaupt Geschäfte in der Stadt zu tätigen. Heute ist Hong Kongs Land zum grössten Teil in den Händen einer Handvoll einheimischer Tycoons, vier Grossfamilien, die ihr Grundkapital in den 1950er-Jahren erarbeiteten, damals mit Plastikblumen und dem Import von Reissverschlüssen, heute mit Lebensmittelläden- und Hotel-Ketten und Hong Kongs wertvollstem Gut: Boden. Dass der Wettbewerb um diesen nur von wenigen Big Players bestritten wird, liegt an den hohen Lease Premiums: Kapitalbeiträge, die – anders als in New York, London oder Paris – beim Erwerb einer Landesnutzungsgenehmigung anfallen.

Die Stadt versteigert die Leases für einen Zeitraum von fünfzig Jahren, die Grundmiete für diese Dauer entspricht total nur 3%, die restlichen 97% (Beträge über 300 Millionen Schweizer Franken) sind beim Erwerb fällig. Eine Verlagerung der Hauptkosten auf eine Grundmiete würde den Wettbewerb vergrössern. Die Regierung hätte die Möglichkeit, non-monetäre Aspekte wie Stadtbild und Nachhaltigkeit mit zu beeinflussen, indem die Immobilienentwickler Gestaltungspläne vorlegen müssten.

In den 1970er-Jahren war die Gegend um die Tang Lung Street ärmlich und schäbig, Triaden kontrollierten Bordelle, Spiel- und Opium-Höllen, auf der Strasse wurden Laternen verkauft und Bratpfannen geflickt. Seit der Errichtung des 16-stöckigen Times Square 1994, dem ersten vertikalen Shopping-Zentrum zwei Strassen weiter, ist das Quartier im Wandel: 24-Stunden Shopping, Dai Pai Dongs, traditionelle mobile Restaurant-Buden mit aufklappbaren Tischen und Plastikhockern auf der Strasse, die Nachtclubs der Armen, sind verschwunden. Dafür kocht Jamie Oliver in der Tang Lung Street italienisch und teuer. 2010 wurde in Causeway Bay die weltweit höchste Monatsmiete für ein Ladenlokal auf Strassenhöhe gezahlt (110’000 Schweizer Franken für 80 Quadratmeter.)

Gentrifizierung und Verdrängungsbewegungen verlaufen in der Schweiz vergleichsweise in Slow Motion. Hong Kong befindet sich im Dauerzustand der Erneuerung. “Each city is a beginning and a conclusion, only Hong Kong is forever a beginning”, sagt Regisseurin und Hong Kong-Film-Darling der Stunde, Flora Lau, in ihrem Dokumentarfilm Start from Zero (2013).

Die Erneuerung von Industriegebieten nennt die Regierung Revitalisierung. Ursprünglich als erschwingliche Produktionsstätten für die Kreativindustrie gedacht, zum Beispiel für Film-Post-Produktions-Studios und Musik-Studios in Kwun Tong und Künstlerateliers in Fo Tan, sind die wachsenden, unregulierten Mietkosten für einen Grossteil der Kleinbetriebe nicht mehr finanzierbar. Erst vor fünf Jahren hob die Regierung die teuren Gebühren für Lease Modifications auf, die Nutzungsänderungen von Immobilien. Dass die Umwandlung von Industriegebäuden in Apartments, Hotels und Büros momentan noch nicht dem gewohnten Tempo der radikalen Erneuerung in Hong Kong folgt, liegt auch an veralteten Regulierungen aus den 70er-Jahren: Weil mit Gas geheizt und gekocht wurde, muss auch heute noch jedes Badezimmer und jede Küche aus Sicherheitsgründen über ein Fenster verfügen. Viele Industriebetriebe verzichteten darauf.

In der Tang Lung Street riecht es nach in Soya marinierten Gänsen und Austern-Omeletten. Auf unserem Plastiktisch stehen keine Blumen. Ein paar weisse Keramikschälchen, es gibt Broccoli, Frittiertes, frittiertes Huhn und Bier aus eiskalten Tsingtao-Flaschen (das bekannteste chinesische Bier ist deutsches Bier, erfahre ich später, erstmals gebraut 1903 in der “deutschen Musterkolonie” Jiaozhou in Südost-China). Unser Kellner spricht kein Englisch. Mehr als die Hälfte am Tisch spricht kantonesisch, der Rest ist aus Australien, Norwegen und der Schweiz.

Man bestellt zusammen für alle. Essen ist hier immer kollektiv. Die Stadt hat gleich viele Restaurant-Sitzplätze wie Einwohner. Die Wohnungen sind klein, nur Reiche können sich eine Wohnung mit separatem Esszimmer leisten. Das Esszimmer verlegt sich auf die Strasse.

Die Hälfte am Tisch hat Ackbar Abbas’ Culture and Politics of Disappearance gelesen.

Mandy, Fotograf, Hong Konger, ist schlecht gelaunt: Heute wurde bekannt, dass im PMQ, einem ehemaligen Polizeiquartier, das zu einem Creative Hub umgebaut worden soll, Shops nun doch an etablierte Brands vermietet werden sollen, an Big Players wie den Modekonzern Giordano International mit jährlich 700 Millionen Schweizer Franken Umsatz. Angekündigt wurde das PMQ als Promotion für die lokale Kreativindustrie, mit 130 Shops für ausgewählte Hong Konger Talente aus den Bereichen Design, Mode und Kunst. Die Hollywood Road in Sheung Wan soll nach Regierungsplänen eine World Famous Creative Street werden. 

Nach der Eröffnung ein paar Monate später ergibt sich ein differenzierteres Bild: Die Shops der etablierten Brands im Parterre und im ersten Stock finanzieren die tiefen Mieten (20 bis 30% des Marktwerts) der 100 Nachwuchs-Designer-Shops und Büros. Creative Economy ist Economy und kein öffentliches Kulturprogramm der Regierung. Die zentrale Lage in Sheung Wan erlaubt es den Jung-Unternehmern, von einer grossen Laufkundschaft zu profitieren und limitierte Nischenprodukte als Alternative, als edgy urban cool (Jute-Taschen mit Louis Vuitton just doesnt look good on me) zu verkaufen und in einer Creative Mall neue Ideen zu entwickeln. Ein Ort des regen Austauschs mit Innovationspotenzial oder bloss ein weiterer Supermarkt?

Ein grosses M, ohne Plus, markiert, wo dieser Abend später enden wird: Es gehört zur zukünftigen Luxus-Supermall Soundwill Midtown Plaza-II am anderen Ende der Tang Lung Street. Hier, im 17. Stock, wird heute die Absolut Art Bar eröffnet, exklusiv während der Art Basel. Eine Nacht vor dem Beginn der Kunstmesse, Einlass nur auf Einladung. Lange Warteschlangen, bis zu einer Stunde und bis über den roten Teppich hinaus in die Tang Lung Street, wird es erst in den nächsten Tagen geben. Heute Abend füllt sich der Raum spät, wenn DJs den auf den Raum geschriebenen Soundtrack, synthetische Flächen emulierter Klangerzeuger aus den siebziger Jahren bereits aufgelöst haben mit reduzierten Beats aus Los Angeles. Der Kreis, der irgendwo Berührungspunkte mit Kunst hat, Kreative, Künstler, vernetzte Neo-Bohemiens, ist übersichtlich. Man kennt sich. Nadim Abbas, der dieses Jahr das Raumkonzept entworfen hat, wurde von Adrian Wong empfohlen, dem Künstler des letzten Jahres.

 

Die Absolut Art Bar wird in Hong Kong vom französisch-schwedischen Vodka-Hersteller Absolut Vodka finanziert. Bis zu einer halben Million Schweizer Franken soll sie dieses Jahr gekostet haben. Allein die Raummiete an dieser Adresse würde normalerweise bei 40’000 bis 60’000 Schweizer Franken liegen. Die Soundwill Holdings Limited, der Immobilienentwickler, will den Raum auch in Zukunft der lokalen Kunst- und Kreativszene zur Verfügung stellen, in Zusammenarbeit mit Sponsoren aus der Privatwirtschaft, für Art and Creativity beyond boundaries. Die Joint Venture von Kunst und Werbung ist nichts Neues. Absolut Vodka selbst war es, die 1985 eine der ersten erfolgreichen Kampagnen mit Kunst realisierte, Warhols Portrait der Vodka-Flasche, eine Dekade nachdem der Medienkritiker McLuhan die Werbung zur „bedeutendsten Kunstform des 20. Jahrhunderts“ empor gehoben hatte.

Nadim Abbas hat den jungfräulichen Raum in eine Bunkerlandschaft verwandelt, abgedunkelt und zugestellt mit Reissäcken. Man trinkt Granatapfel-Vodka-Cocktails aus Vakuumbeuteln. Blutbeutel, ein Hit. Apocalypse Postponed. Die Drinks gibt es à discrétion, wie beim Original in Basel. Bunkerstimmung nach einem atomaren Super-Gau kommt nicht auf. Bedrückend wirkt der Raum nicht. Der weite Blick auf das Neonmeer Causeway Bays hinter der Bartheke lässt wenig Endzeitvorstellungen zu. Wir sind in einem Luxusbunker. Es ist hier zwischen Reissäcken, wo ich in den nächsten Tagen die meisten Einblicke in Lebenswelten zwischen Kowloon und Chai Wan kriegen werde.

Zum Beispiel Joyce, 28.

Joyce lebt in North Point, in einer Alterssiedlung, auf der Türklingel steht der Name ihrer Grossmutter. Die lebt nicht hier. Eine Wohnung für Rentner, 100 Franken pro Monat. Ein Raum, vielleicht 20 Quadratmeter und eine Küche. Die Katze behält sie trotz Allergie. Sie atmet schwer, sie sagt, die Stadt mache sie krank. Ihr Lieblingsfrühstück sind weisse Toasts mit Spiegeleiern, im kleinen Restaurant am Hafen, gleich bei der Wohnung. Sie mag Björk und David Bowie – The Man who fell to Earth. Sie wollte nach Italien auswandern, dort lernen, Hüte zu machen. Ihr Freund aus Mailand hat sie verlassen, Italien ist nur noch Nebel, entleuchtet, nur noch verdrängte Erinnerung an Momente glücklicher Imaginationsspielerei, ein Traumrelikt zerstäubt in 20 Quadratmetern. Ihr Schlafzimmer ist Wohnzimmer und Atelier zugleich. Im Abschlussjahr ihres Fashion Design-Studiums gewann sie einen Award, seither arbeitet sie selbständig, Einzelanfertigungen für Werbeshootings, sie schlägt sich durch mit kleinen Styling-Jobs. Wenn eine Deadline naht, sourced sie Stoffe in Sham Shui Po in Kowloon, dort gibt es Strassen, in denen nur Manschetten verkauft werden, temporäre Zelte unter Autobahnübergängen, gefüllt mit Stoffen aus Indien, Bangladesh, China. Läden mit kleiner Auswahl an hochwertigen Stoffen aus Japan. Meist nimmt sie das Taxi zurück nachhause, mit zwei grossen Stoffrollen auf dem Sitz neben ihr. Durch den Unterwassertunnel zurück auf die Insel. Ihr indischer Schneider ist in Jordan, kurz vor Abgabe ist sie viel dort. Für ein Lifestyle-Magazin fliegt sie an die Fashion Weeks in Paris und Mailand. Ihre Grossmutter hat ihr geraten, immer zu lächeln, das sei wichtig. Sie macht sich Sorgen um ihre Zukunft, sie arbeitet viel, verdient wenig. Ihre Mutter redet laut am Telefon, es geht fast immer um die Arbeit. Den Vater sieht sie selten. Er lebt in Shanghai, Immobilien. Täglich raucht sie selbstgedrehte Joints aus dem Fenster, keine starken, sagt sie. Danach habe sie immer rote Augen. Sie tanzt wie ein Kind, unkontrolliert, vielleicht ein wenig ungestüm. Sie würde gerne auf eine Insel ziehen, auf eine der vierzig, die Hong Kong umgeben. Lantau oder die autofreie Lamma Island.

Bryan, Ende 20, lebt mit seiner Mutter auf Lamma, ein Wasserfall hinter dem Haus. Die Fähren fahren täglich, bis drei Uhr morgens. Als ich ihn frage, ob er in den nächsten Tagen mal Zeit für mich hat, sagt er no, no, no. Er betrachtet meinen Kopf. Mein Haarschnitt sei doch ok. Ich sage ihm, dass es um meine Arbeit geht, um sein Hong Kong. Seine Augen leuchten, er erzählt. Von den Zwangsumsiedlungen wegen dem Rail Express Link, der China mit Hong Kong verbinden soll, Endstation West Kowloon Cultural District. Ganze Dörfer wurden zerstört, ein Teil der Bevölkerung hat sich mit den teils seit Generationen dort lebenden Familien solidarisiert, ein Grossteil der Bevölkerung spricht sich jedoch für die Opfer im Namen des wirtschaftlichen Wachtums aus. Prosperity ist der von den Planungsbüros berechnete Wohlstand. Alle werden profitieren, sagen Befürworter, die sozialen Ungleichheiten in der Stadt sind so gross wie nie zuvor. Der Gini-Index Hong Kongs nähert sich 0.6, ein Vorzeichen sozialer Unruhen. Obwohl ich mit der Absicht nach Hong Kong gekommen bin, mehr über den Wandel von Kultur und Kunst in der Stadt zu erfahren, die potentiellen Auswirkungen eines Multimilliarden-Kulturquartiers zu erahnen, sind mir seine vier Worte am meisten geblieben: „We need a riot.“ Und es scheint mir kein jugendlich-kurzsichtiger Wunsch nach Rebellion gegen ein dämonisiertes Establishment zu sein. Vielleicht ist es auch die Überzeugung, mit der er die Worte sagt. Ruhig und bestimmt. “We need a riot.” Ein paar Monate später werden Tausende Studenten die Strassen Centrals und Mong Koks über Wochen blockieren. In Ikea-Betten übernachten, zwischen riesigen Panzern aus Karton und gelben Origami-Regenschirmen. Der Regenschirm ist das Symbol der Bewegung: Er bietet Schutz vor Typhoons, Sonne und Pfefferspray. Das Umbrella Movement protestiert ohne Gewalt, schafft es aus Hong Kongs Businesszentrum auf alle Titelseiten weltweit, China ausgenommen.

 

Ein Protest in Hong Kong ist immer ein Protest gegen China: Der Pekinger Regierung wird nicht vertraut. Es geht um die Mitbestimmung der Wahl des Stadtobersten. Nach dem jetzigen System bestimmt ein 1200-köpfiges Komitee drei Peking-loyale Kandidaten, aus denen das Stimmvolk den Regierungschef wählen kann. Automobilhersteller Henry Ford wird deshalb öfters in Web-Kommentaren paraphrasiert: You can have any color as long as it’s black. Markus Ackeret spricht in der NZZ von einer „Volkswahl in engem Korsett“. Ein Teil der Bevölkerung schätzt die polite revolution schon vor Beginn als geschäftsschädigende Zeitverschwendung ein. Gegner sorgen sich um Hong Kongs Image. Occupy, die Global Edition, in Zürich oder New York, wird seit viralen Videos, in denen Protestierende den Grund ihres Protests nicht benennen können, eher belächelt. Im Westen herrscht Hippie-Verdacht, die 99%, die von den 1% regiert werden, identifizieren sich nicht mit den Kartonschild-Rebellen vor den Grossbanken. Kein drohendes Verschwinden, keine kollektive Identität. Die Umbrella Revolution ist nicht Occupy Wall Street. In Hong Kong haben sich die Wochen der Regenschirme ins kollektive Bewusstsein eingeschrieben, vor allem bei der jüngeren Generation und ihren rasend zirkulierenden elektronischen Bild-Multiplikatoren mit Kommentar-Funktion. FUCK 689 (689 steht für die 689 Stimmen, mit denen der aktuelle Regierungschef gewählt wurde), FUCK 689, auf einem Autoschild in Mong Kok, wo mehr Pfefferspray zum Einsatz kam als in Central. Mong Kok, Kowloon, eine Station nördlich von Yau Ma Tei.

Michael Leung lebt in Yau Ma Tei, dem “wahren Hong Kong”, wie der Schweizer Dokumentarfilmer Luc Schaedler in Made in Hong Kong (1997) feststellte. In Mittelwest-Kowloon glänzt nichts wie in Central. Wer schon in China war, wird sagen, dass hier (und im nördlichen Sham Shui Po) Hong Kong am ehesten China ist. Yau Ma Tei ist ein permanenter Jahrmarkt für Alltagsgegenstände, Holzlöffel, verbotene Laserpointer und Dampf-Körbe aus Bambus. Yau Ma Tei ist gritty, war mal Opium- und Salzschmuggel-Epizentrum zwischen Hong Kong und Mainland. Triaden agieren hier heute nur noch versteckt, verkaufen obscene discs unter Ladentheken in der Temple Street. Yau Ma Tei wird bei westlichen Touristen immer beliebter. Diese Tendenz werde sich noch verstärken, meint Michael. Mit dem Entstehen des angrenzenden West Kowloon Cultural District wird auch Yau Ma Tei einen Auftrieb erleben, sowohl bezüglich Besuchern als auch Mietpreisen. Dass das Multimilliarden-Kulturviertel bloss eine grosse Show für den Westen sei, ist die Meinung vieler, doch nicht diejenige von Michael. Er sieht Potenzial in den Räumlichkeiten. Was die Nutzung und die Wirkungsweise angeht, sei es jedoch zu früh, um Aussagen zu machen.

Die städtische Diskussion um den WKCD verläuft seit 1998 zwischen Euphorie und Skepsis. Es wird spekuliert, gestritten, angepriesen, versprochen und ignoriert. Die Verunsicherung ist gross. Der WKCD hat viele Personalwechsel erlebt: Michael Lynch, aktueller CEO des WKCD und ehemaliger Direktor der Oper in Sydney, hat bereits angekündigt, dass er bei der Eröffnung des Museum for Visual Culture M+, des Kernstücks, nicht mehr an Bord sein werde. Doch Unsicherheit und Proteste gab es vor Regierungs-Grossprojekten schon immer. Fertig gestellt werden soll das Kulturviertel 2030. Bis dahin bleibt viel Zeit und Raum für Spekulation. Derweil kümmert sich Michael um Community Building in Yau Ma Tei, zusammen mit dem Künstlerkollektiv Wooferten in deren Space in der Shanghai Street. Kwan Sheung Chi, den ich am nächsten Tag an der Art Basel treffen werde, ist ein Gründungsmitglied von Wooferten. Deren Space ist kein neutraler White Cube, sondern hat sich zu einem multifunktionalen neighbourhood drop-in centre entwickelt, einer Begegnungsstätte unter dem Dach der Kunst, im Geist der sozialen Plastik. Jeder Mensch ist ein Künstler, Anwohner werden eingeladen, Workshops zu halten. 

Michael ist eine Stadtbekanntheit. Eloquent vor der Kamera, telegen, britisches Englisch mit Schalk. Sein Urban-Farming-Projekt HK Farm, das er zusammen mit Glenn Ellingsen und Matt Edmondson auf Dächern Kwun Tongs betreibt, zeigt ein alternatives Bild Hong Kongs auf BBC oder in Publikationen der ZHdK. Michael Leung ist eine Anlaufstelle, ein Vernetzungskünstler. Doziert Design, züchtet Honig, ist Yau Ma Teis Kurator für creativecity.hk. Im August diesen Jahres wird er im Kulturzentrum “Oi!” seine Dokumentation über den “Mango King” präsentieren, einem obdachlosen Guerilla-Farmer in Yau Ma Tei, der auf dem Boden des zukünftigen WKCD halblegal Mangos, Süsskartoffeln und Lychees zur Selbstversorgung kultiviert.

Quellen zum Text:

Der Travelogue von Claudio Bucher entstand in einem Studienprojekt von Michael Schindhelm, das von Connecting Spaces, dem in Hong Kong verorteten Internationalisierungsprojekt der ZHdK, koordiniert wurde. In der Printpublikation Why Hong Kong (Erscheinungstermin Januar 2015) sind neben dem Travelogue auch grössere Beiträge von Brandon Farnsworth (Master Transdisziplarität) und Patrick Kull (Master Fine Arts) versammelt.

http://www.connectingspaces.ch/why-hong-kong/