Hong Kong Travelogue – Tag 1: Stadt ohne Grund

von Claudio Bucher Claudio Bucher, *1980, macht hauptberuflich volkstümliche Musik ohne Volkstum (frei nach Jörg Scheller), klatscht eher laut und studiert im Master Kulturpublizistik. gepostet am 24. November 2014

Am ersten Abend Red Rainstorm Warning, nördlich an der Grenze der schwerste Regenfall seit sechs Jahren. Shenzhen ist komplett unter Wasser, 150 Strassen sind überschwemmt. Wir rennen in Central durch Shopping Malls mit glattpolierten Marmorböden, um irgendwo auf einer Rooftop-Bar anzukommen in Asias World City. Die komplett leere Terrasse ist laut dem Kellner reserviert, No Access. Beim zweiten Mal nachfragen kriegen wir schliesslich doch einen Platz in der Lounge, Blick auf die LED-Wolkenkratzer inklusive. Die Symphony of the Lights der Hochhäuser, die grösste permanente Licht-Show der Welt, ist schon vorbei. Es blinkt trotzdem noch ein wenig. Rot. Weiss. Blau. Dazu Bier für acht Schweizer Franken.

Hinter den Glasscheiben spielt eine Akustikgitarre für die leisen Gäste, auf den Membranen kleiner Lautsprecher vibriert anonym Musik, doch das hört man kaum. Der Regen hier fällt lauter als bei uns. Die verwinkelten, dicht gebauten Hochhäuser scheinen den Schall zu multiplizieren auf dem Weg zu unseren Ohren im 25. Stockwerk. Wir müssen lauter sprechen.

Auf Hong Kong Island kann man weite Strecken gehen, ohne je einen Fuss auf Boden zu setzen. Fussgänger werden mit Brücken über Strassen geleitet, Shopping Malls sind durch klimatisierte Skyways miteinander verbunden. Die Stadt ist engmaschig vernetzt, die Hälfte aller Einwohner lebt weniger als 500 Meter von einer U-Bahnstation entfernt, meist in sternförmigen Housing Projects, die ganze Schweizer Kleinstädte beheimaten könnten. Zugang per Türcode, der Fahrstuhl als Dorfplatz.

Man lebt mit drei Mal weniger Wohnraum als bei uns. Die Wohnung als Rückzugsort, die Isolation (im französischen Wortsinn gemeint: “zur Insel machen”) hat hier weniger Bedeutung. Eine Einschränkung, die auch ein Verhindern des Auseinanderlebens mit sich bringt. Einsamkeit ist hier eine andere als bei uns.

 

Wir sind keine Wissenschaftler, wir sind von einer Kunsthochschule – hier, um die Stadt zu erforschen. Bekannte sprechen von einer Swiss Invasion in der letzten Zeit und fragen mich: Are you a kind of Ambassador for your School? Ich weiss es auch nicht so genau. Diese Reise ist eine erste Landung. Die Gespräche mit Künstlern und Kreativen in diesen fünf Tagen, teils in Ateliers, teils in Bars, dienen der ersten Annäherung, sind mehr Erzählungen am Rand als eine wissenschaftlich-disziplinierte Case Study. Warum Hong Kong?

Betrachtet man die Anzahl Publikationen, die um eine Hong Kong Identity kreisen, sind peakartige Zunahmen nach 1984 und um 1997 festzustellen: nach der Unterzeichnung der Joint Declaration und nach der Terminierung der Rückgabe der britischen Kolonialstadt Hong Kongs an China auf den 30. Juni 1997.

Der Hong Konger Kulturwissenschaftler Ackbar Abbas spricht von der Liebe auf den letzten Blick und greift auf die Interpretation eines Beaudelaire-Gedichts von Walter Benjamin zurück: Diese ertappt den Verliebten im Moment des Sich-Verliebens, als die langhaarige Schönheit bereits wieder um die Ecke verschwindet. “Die Entzückung des Städters ist eine Liebe nicht sowohl auf den ersten als auf den letzten Blick.” Déjà disparu, fasziniert zuschauen, wie etwas durch die Finger gleitet, ein Wandel der Kultur, der auf dem unmittelbaren Bevorstehen des Verschwindens gründet. Das Erkennen von Identität, sobald deren Existenz bedroht ist.

Abbas Culture and the Politics of Disappearance erschien mitten in der Phase des Umbruchs 1997. Die bevorstehende Übergabe an China war mit Ängsten verbunden: Verlust von Freiheiten, von Meinungs- und Pressevielfalt, Tiananmen 1989 noch tief im Nacken, als düstere Vorahnung und Warnung einer möglichen Zukunft, rekolonialisiert, eine Nation mit Ablaufdatum, 300’000 verliessen die Stadt. 2014, zwei Jahrzehnte später, schätzt die Bevölkerung laut Umfragen erstmals politische Probleme höher ein als wirtschaftliche. Das Vertrauen in die Presse ist erschüttert, der Journalistenverband spricht vom “dunkelsten Jahr seit Dekaden“. Die Beziehung zwischen Hong Kong und China kennzeichnet 2014 ein Verlangen nach Autonomie, ein Recht auf Mitgestaltung der eigenen Zukunft bei ökonomischer Abhängigkeit. Der Aufstieg von Shanghai oder auch Wuhan und Chonqcing zu Super-Cities in Mainland China ist verbunden mit der Angst Hong Kongs, den Status als Asia’s World City zu verlieren, ein Verschwinden in China als Stadt unter vielen.

Doch Hong Kong ist nicht China. Hong Kong ist Borderline-China. Keine Stadt im Wandel, sondern im Sog, im Space of Flow, eine Migrantenstadt, global vernetzter Ort des Transits: 1996 waren 40% der Bevölkerung ausserhalb Hong Kongs geboren. Hong Kong ist kulturell Borderline-China: In den 60er Jahren brachten Satelliten amerikanische Filme in die Wohnzimmer, Jukeboxes westliche Popmusik in Cafés. Das Mutterland China war derweil bis 1978 hinter closed doors, Hong Kong ein Flickenteppich aus Seide, Neon und Dollars. Während ’69 in San Francisco der Summer of Love verliebt wurde, schwemmte die Kulturrevolution Leichen und die blutigsten Unruhen der Stadtgeschichte nach Hong Kong. Mal antikolonialistisch, mal bestimmt nicht China, mal in Kolonie-Nostalgie, aber immer kantonesisch-solidarisch verbunden.

Hong Kong ist eine Erfolgsgeschichte, eine der grossen urbanen Sensationen des 20. Jahrhunderts: Vom Fischerdorf zur dynamischsten Stadt Chinas. Vor 150 Jahren waren hier ein paar Dörfer und meerjungfrauenfürchtende Bootsmenschen, in ein paar Jahren verbinden Hochgeschwindigkeitszüge die Stadt mit dem grössten Eisenbahnnetz der Welt. Hong Kong wird Denkfabrik, Front-Office und Front-End eines südostasiatischen Wirtschaftspolypen. Die Entwürfe dieser Pearl River Delta Megalopolis füllen jetzt schon PDFs westlicher Urbanistik-Institute.

Die Grenzen verschwinden: Um 40’000 wandern pro Jahr aus Mainland China zu, ein paar Tausend weniger als Kinder in der Stadt geboren werden. Hong Kong hat eine tiefere Geburtenrate als China, obwohl keine One-Child-Policy angewendet wird (das Wall Street Journal schätzt 2014, dass ein Kind in Hong Kong bis zum College über 600’000 Schweizer Franken kostet.) Die Stadt hat an Englisch-Kenntnissen eingebüsst, spricht nun besser Mandarin. Schwein, Fisch und Gemüse werden fast zu hundert Prozent aus China eingeführt. Die Hälfte aller Universitätsstudierenden sind aus Mainland. Man vermischt sich selten: Streber, die keine Teepause machen. Hong Konger demonstrieren, weil Restaurants ihre Menukarten mit simplifizierten statt mit traditionellen Schriftzeichen bedrucken. Virale Videoclips zirkulieren, in denen Touristen aus China in der MTR beim Essen gefilmt und auf ihr unangepasstes Benehmen aufmerksam gemacht werden. Man ist stolz auf die eigene Kultur. Zwischen Xenophobie und Intrusionsangst: Bloss ein Medien-Bias, vergleichbar mit den “unbeliebten Deutschen” in der Schweiz?

“Hong Kong is disappearing”, wird mir der Hong Konger Künstler Kwan Sheung Chi in einem Gespräch an der Art Basel sagen, “ein Plan der Regierung in Peking”. Ich treffe mich diese Woche mit Künstlern, Jungunternehmern, Neo-Bohemiens, um eine Gesellschaftsdiagnose der ersten Landung zu entwerfen.

In der Stadt, deren Neoliberalismus Milton Friedman als vorbildlich bezeichnet hat, in der laisser faire praktiziert und can do geglaubt wird, trifft Ökonomie diametral auf Kultur und Kunst. Der Wirtschaftssektor Creative Industries ist der meistgewachsene der letzten sieben Jahre. Die Stadt investiert in Bildung und Standortattraktivität als Cultural Metropolis, um gebildete, talentierte Kreative anzulocken und Brain Drain zu verhindern. Hong Kong ist eine Ökonomokratie, es herrscht ein Primat der Nützlichkeit und der Rendite: Wir können Hong Kong betrachten als geplante, Top-Down Creative City in Borderline-China. Die Stadt als Spiegel und Leinwand: Welche Auswirkungen haben die ökonomischen Bedingungen und Initiativen auf die lokalen Kreativen? Wo und wie entsteht hier Kultur unabhängig vom Markt?

Zu guter Letzt und ganz zu Beginn ist Stadtforschung auch immer eine Forschung an sich selbst. Die erste Begegnung spiegelt eigene Wertvorstellungen, wird Träger von Sehnsuchts- und Angstfantasien. Ihre Untersuchung ist daher auch Selbstanalyse: Wir lernen unsere Wahrnehmungsmuster kennen. Deren Erkennen heisst auch, ein Bewusstsein zu entwickeln für das Entstehen kollektiver Selbst- und Fremdbilder. Die blinden Flecken der ersten Landung als Spiegel: das Verstehen des eigenen kulturellen, historischen und persönlichen Hintergrunds, des eigenen sozialen Kreises. Stadtforschung ist Arbeit an der entworfenen Fragestellung und Arbeit an der Identität des Forschenden zugleich. Wir stellen Fragen, wer wir nicht sind. Oder, wie bei Hans-Georg Gadamer: “Der Andere ist der Weg, wie man sich selbst erkennt.”

Wer bin ich in Hong Kong?

 

Ich habe das Studium an einer Kunsthochschule begonnen, damit ich etwas habe, wenn ich 40 bin. Seit 2004 bin ich freischaffender Kreativwirtschaftler. Mein Handwerk habe ich alleine gelernt: Mein Instrument ist mein Computer. In den 1990er-Jahren waren Personal Computer für den Normalverbraucher erstmals in der Lage, eine Komposition mit über 30 Audio-Spuren wiederzugeben, zehn Jahre vorher war diese Infrastruktur nur für Studios mit KMU-Startkapital zugänglich. Die erste Generation von Bedroom-Producern, die Demokratisierung der Musikproduktion.

Mein Einstieg in die Kreativwirtschaft passierte zufällig: Zeitgeist, ein Videoclip mit Massenwirkung in der Zeit vor Youtube und ein gutes Management. Das war mein Grundkapital. Die Jahre danach musste ich kein Struggling Artist sein, keiner Miete nachrennen oder Dinge tun, die nicht meiner Entwicklung oder Unterhaltung dienten. Ich hatte Glück. Zurücklehnen war selten, der Output hoch. Dazu Konzerte und DJ-Gigs, S-Chanf bis Chonqcing. Vor sieben Jahren bestimmte ich für mich, dass ich den Status Struggling Artist oder Neo-Bohemien nie für mich beanspruchen würde und legte Reserven an für eine Phase, in der der Wettbewerb und mein Können plus Netzwerk mittelfristig nicht mehr für den Lebensunterhalt sorgen können.

Der Grossteil meines Einkommens ist erfolgsabhängig, skalierbar. Die Honorare und Gagen entsprechen 30-40%. Airplay, Tantiemen, Lizenzbeteiligungen variieren stark, je nach Zeitgeist, Nachfrage und Musikmarkt. Ich bin ein selbständiger, publikumsabhängiger Unternehmer.

In der Schweiz gibt es immer wieder Musiker, die Überraschungserfolge erzielen, die kurz- bis mittelfristig finanziell mithalten können mit den Monatslöhnen erfolgreicher Kaderstellen der Privatwirtschaft. Im Grossen und Ganzen sind die Budgets und Verkaufszahlen in der Musikbranche in den letzten sieben Jahren kleiner geworden. Die Mediennutzung hat sich verändert, Tonträger verschwinden, aufgenommene Musik wird Allgemeingut, für 5 Dollar streambar von der Cloud. Ich bin der Letzte, der ein Strukturwandel-Lamento anstimmt, ob in der Musikindustrie oder dem Journalismus (quasi mein zweites, wenn auch sehr schwaches Standbein: Vor meiner Musikkarriere hatte ich ein Studium der Medienwissenschaften begonnen.) Klar stelle ich mir das beruhigend vor, wenn ich wie in Belgien ein Grundeinkommen für Künstler beziehen könnte, immerhin um die 2’000 Schweizer Franken pro Monat. Um Weiterentwicklungsphasen zu überbrücken, um nicht komplett marktabhängig zu sein und gleichzeitig marktfähig zu bleiben. In einem Land, das bei Abstimmungen mehr Ferien für alle ablehnt, ist diese Vorstellung utopisch. Und ich verstehe das auch: Kreativer, Künstler, Musiker zu sein, die Passion zum Beruf machen – sich da hineinzudenken ist schwierig. Mehr arbeiten, halt früher aufstehen (obwohl auch nachts gearbeitet wird), dann wird das schon, und wenn nicht, dann einfach einen normalen Beruf erlernen und aufhören zu träumen. Idiotisch. Kein Raum für Leerläufe.

Welche Kulturerzeugnisse dienen der Gesellschaft? Ob Werte festigend, hinterfragend, subversiv provozierend, Diskurse entfachend und belebend, ent- und zusammenspannend: Qualität in der Kultur braucht immer neue Kriterienkataloge, bessere Messbarkeit oder Gesellschaftsdiagnosen durch Handauflegen von respektierten Orientierungshelfern, die im rasend zirkulierenden Überangebot der mediatisierten Wissensgesellschaft Klarsicht bewahren. Blickt irgendwer noch durch und nach vorne?

Dass Kultur, Markt und Qualität sich nicht durch unsichtbare Hand magisch in Harmonie halten, ist klar. Der Markt ist – Marketing-Effekte abgezogen – zumindest demokratisch. Öffentliche Förderung liegt in den Händen weniger und ist so zufälliger als das dynamische Chaos des Marktes. Das funktioniert und funktioniert nicht. Für enthusiastische Kreativwirtschaftler mit Hang zur Selbstausbeutung zwischen 25 und 39 das Los und der Kick, als Basis für eine Familiengründung unter der Garantie der gleichen Freiheiten, Mobilität und Ausbildung für den Nachwuchs ein Lebensqualität raubender Struggle.

Ich würde gerne wieder arbeiten. Wenn ich momentan probiere, mir Langeweile vorzustellen, schaffe ich es nicht. Das ist zu lange her. Ich sehne mich nach Arbeit mit Langeweile-Potenzial und verdienten Feierabenden. Ich will meine Passion zum Hobby machen.

Quellen zum Text:

Der Travelogue von Claudio Bucher entstand in einem Studienprojekt von Michael Schindhelm, das von Connecting Spaces, dem  in Hong Kong verorteten Internationalisierungsprojekt der ZHdK, koordiniert wurde. In der Printpublikation Why Hong Kong (Erscheinungstermin Januar 2015) sind neben dem Travelogue auch grössere Beiträge von Brandon Farnsworth (Master Transdisziplarität) und Patrick Kull (Master Fine Arts) versammelt.

http://www.connectingspaces.ch/why-hong-kong/