Angewandte Spaziergangs-wissenschaft - Teil I

von Zollfreilager-/Friday-Reporterteam Das Zollfreilager-/Friday-Reporterteam (Daniela Bär, Michael Fässler und Ruedi Widmer) war in Venedig als spazierendes Observatorium anwesend und hat seine Beobachtungen kollektiv schreibend in den vorliegenden Szenen festgehalten. gepostet am 24. November 2014

„Indem man so vorgeht, kommt man allmählich einer Szene nahe: der Szene von etwas. Man beschreibt sie. Man weiss nicht, was sie ist. Man ist sich nur sicher, dass sie sich auf die Vergangenheit bezieht, auf die entfernteste ebenso wie auf die nächste; auf die eigene ebenso wie auf die der anderen. Die verlorene Zeit wird nicht wie auf einem Bild repräsentiert, sie wird nicht einmal präsentiert.“ Dieser Satz von Jean-François Lyotard (er stammt aus „Die Moderne redigieren“) verbindet die Frage der Unentrinnbarkeit der Moderne mit der Frage der Sichtbarkeit und der Spurenlese. Die folgenden Mikroerzählungen hiessen im Arbeitstitel Szenen. Als Montage und Gesamterzählung nennen wir sie Applied Strollology, weil Lucius Burckhardt, dem die Biennale-Ausstellung im Schweizer Pavillon – zusammen mit Cedric Price – gewidmet war, das Projekt nicht nur thematisch (mit dem Text „Venedig ist unsichtbar“), sondern als Begründer der Spaziergangswissenschaft auch methodisch inspirierte.

 

FRIDAY IN VENEDIG

In Venedig ist man immer Fussgänger.
Lucius Burckhardt, Venedig ist unsichtbar

Russia’s past is our present.
Neonschriftzug, Architekturbiennale Russland-Pavillon

Riappropriamoci di Poveglia.
Poveglia-Tweet

 

Friday Special, Bühne E im Arsenale

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Inseln. Die eine heisst Lavapolis, eine fiktive Insel, die sich der Autor und Kulturberater Michael Schindhelm ausgedacht hat, weil er überzeugt ist: Um neue, radikale Ideen zu generieren, die sozialen und politischen Wandel bringen, müssen wir uns ausserhalb der abgetrampelten Pfade bewegen. Wieso nicht Fiktion herbeiziehen, eine Heterotopie im Sinne Michel Foucault, wenn die Politik still steht? Auf dem Buch, in dem Schindhelm die Inselbewohner von Lavapolis zu Wort kommen lässt, steht in roten Lettern: WHAT JOINS US COMES BEFORE WHAT DEVIDES US.

Seit Mai ist Friday, ein Bewohner von Lavapolis, auf Europareise, diskutiert die Ideen seiner Insel auf verschiedenen Bühnen und schreibt seine Eindrücke auf einem Twitter-Account nieder. Am European Youth Forum in Strassburg, im Arsenale in Venedig, auf einer Diskussionsplattform im Netz. Nun sitzt er, verkörpert vom Schauspieler Gabor Biedermann, auf einem Stuhl neben seinem Schöpfer Michael Schindhelm. Im Hintergrund läuft ein Video, in dem die Bewohner von Lavapolis porträtiert werden. Friday sagt: „Unsere Tat ist das Beispiel für die möglichen Taten der Anderen. Wir verlangen Beteiligung. Nicht Befreiung.“

Die andere Insel ist real und heisst Poveglia. Eine Stunde nach Friday nehmen Pierantonio Barel und Francesca Balbo von der associazione Poveglia per tutti auf der Arsenale-Bühne Platz. Barel ist Historiker und mit der Geschichte Poveglias bestens vertraut, Balbo ist Filmemacherin und zeigt Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm, an dem sie im Moment arbeitet. Die Kamera fährt um die Insel, man sieht Bäume, Buchten, einen Leuchtturm. Die Häuser sind unbewohnt und überwachsen. Man hört Möwen, sieht Eidechsen. Grillen zirpen. Ein Ort, völlig aus der Zeit gefallen. Schimmel an der Wand. Eine Spinne webt eine Eidechse langsam ein mit ihren Fäden, bis die Eidechse leblos da liegt. Im 18. und 19. Jahrhundert diente die Insel als Quarantänestation und Lazarett für sämtliche einkommenden Gäste Venedigs. Eine Art Filter zwischen Innen und Aussen. Auch eine Quelle von Erzählungen. Man berichtet von einem psychiatrischen Spital, wo Experimente an lebenden Menschen durchgeführt wurden. Von Geistern, die einen verrückt gewordenen Nervenarzt dazu bewogen, sich vom Kirchturm von Poveglia zu stürzen. Vom Boden der Insel, der zu 50% aus verbrannter menschlicher Asche bestehen soll, weil so viele Leute während der Pest verbrannt wurden.

Wie real kann eine solche Insel sein?

Barel und Balbo sind Gründungsmitglieder der Gruppe Poveglia per tutti. Man merkt den beiden an, dass sie nicht zum ersten Mal auf einer Bühne sind, sie lassen sich bei ihren Ausführungen Zeit, präzisieren, kommen auf frühere Ausführungen zurück, währenddem Barels Tochter auf dem Barhocker nebenan herumturnt. Die Gruppe machte sich, als der italienische Staat im Frühling dieses Jahres auf die Idee kam, zwecks Schuldentilgung das seit 1968 unbewohnte Poveglia an den Meistbietenden verkaufen wollte, selbst zum Marktteilnehmer. Jedes Mitglied bezahlt 99 Euro und würde im Erfolgsfall zum Mitbesitzer der Insel. Poveglia per tutti ist sozial heterogen, besteht aus Architekten, Anwälten, einfachen Leuten. Die Gruppe schwoll innert kürzester Zeit bis auf beinahe 4000 Mitglieder an. Via Crowdfunding wurden mehr als 470‘000 Euro gesammelt. Aus einer Geldsammlung wird eine Menschenversammlung, ein politischer Prozess und, daraus folgend, eine öffentliche Diskussion: Wie wollen wir leben? Welche Zukunft hat Venedig? Die benachbarten Inseln Sacca Sessola, San Clemento und Santo Spirito wurden an Private verkauft, hier entstehen Luxus-Resorts. Auf einer anderen leerstehenden Insel, der ehemaligen Müllinsel Sacca San Biagio, ist ein Vergnügungspark mit dem verheissungsvollen Projektnamen Veniceland geplant. Poveglia war eine Insel zu viel. Alle haben über Poveglia geschrieben, der Guardian, der Independent, der Spiegel. Die Reputation von Poveglia ermöglichte Titel wie „Scariest island in the world up for sale“, das klingt interessanter als „Venetian fight for common goods“.

Gelingt es der Aktivistengruppe, sich gegen den italienischen Staat und gegen die Spekulanten durchzusetzen, dann wäre auf einmal ein Stück Land von sieben Hektaren frei für neue Ideen: Unbewohnt, inmitten der Lagune von Venedig, ein Traum. Soll man Poveglia einfach weiterhin der Natur überlassen? Oder darauf eine Art Tempelhof entstehen lassen, Naherholungszone mit Vaporetto-Anschluss, zugänglich für Einheimische und Touristen? Die im auf der Lavapolis-Homepage debattierten Vorschläge reichen von einer alternativen Zeitrechnung über die Einführung einer lokalen Tausch-Wirtschaft bis hin zum Rückzug in die Höhle.

 

Schweizer Pavillon, Giardini

Es ist still im grossen Saal des Palazzo F. Grillen zirpen. Im grossen Saal stehen einige Servierwagen. Ein Vermittlungsteam drapiert darauf Zeichnungen, Essays und Baupläne aus dem Nachlass des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt und des englischen Architekten Cedric Price, ordnet sie immer wieder neu an, lässt Dokumente wieder im Archiv verschwinden und nimmt neue hervor. Zweimal ein Nachlass, agil und lebendig, wie es die Gedanken von Burckhardt (Spazierwissenschaft, die vom Sichtbaren ins Unsichtbare leuchtet) und Price (Architektur als Generator des Undenkbaren) waren. Dem Archiv zugesellt sind Resultate der hier stattfindenden Wochenworkshops von Architekturstudenten, etwa die im Juni entstandenen Postkarten von angehenden Architekt/innen der ETH, die zeigen, was Venedig auch noch sein könnte. Ein Satellitenbild, das vor dem Lido in Venedig Insellandschaften entstehen lässt. Trabantenresorts, wie man sie von The Palm oder The Pearl in Dubai kennt. Ein Vaporetto-Streckennetz, in das Poveglia aufgenommen wurde. Eine andere Postkarte preist den Abstecher nach Poveglia als „Ghost Adventure“ an. Ergänzt werden die Venedig-Imaginationen auf der Rückseite der Postkarten mit Thesen des Philosophen und Aktivisten Lieven de Cauter. Auf einer Karte steht: “We have to reinvent the idea of the commons. The classic dichotomy between private and public has obscured it. As has the recent economisation of everything. To approach the common we have to start from ist oblivion, its abolition, its forsakenness.”

Burckhardt sagte: Menschenleere Gassen in Venedig sind fast immer Sackgassen. Das darin liegende Prinzip lässt sich für das Netzzeitalter generalisieren: Die Leute gehen den Leuten nach. Hier, in dieser Nicht-Ausstellung, an diesem Spätsommer-Samstagnachmittag, wo der Kurator, die Hauptattraktion, schon längst an andere Fronten entschwunden ist, will das Gedankengut von Burckhardt und Price von niemandem entdeckt werden.

 

Israelischer Pavillon, Giardini

Ein plattgedrückter Haufen Sand, darüber ein Rahmen und eine computergesteuerte Nadel, die Spuren im Sand hinterlässt. Sie zeichnet die Besiedelung Israels nach: Im Jahr 1949, im Jahr 1951 und im Jahr 2014. Auf der letzten Karte einmal mit und einmal ohne die Siedlungen in der West Bank. Von Karte zu Karte hat die Nadel mehr zu tun, die Besiedelung des heiligen Landes, die in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem ihren Anfang nahm, frisst sich langsam ins Landesinnere, „one hundred years of modernist planning“, wie es an der Wand steht. Derselbe Algorithmus, der die Siedlungskarten im Sand entstehen lässt, lässt im Hintergrund Töne erklingen: Es klingt nach Björks Vespertine. Ein Angestellter wischt den Sand, den die Besucher wegtragen, wieder auf den Haufen, er trägt ein T-Shirt mit Supermario und der Schildkröte und der Aufschrift: „What doesn’t kill me, makes me smaller.“ Zwei Carabinieri stehen im oberen Stock herum, sie sehen aus wie Wachsfiguren, doch für Wachs ist es zu heiss.

 

Ausstellung Monditalia, Arsenale

Es geht um Italien und Europa, die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Nur vereinzelt treten sie auf, die Architektur-Interessierten, und schieben Vorhänge beiseite, bleiben vor einem der 82 gezeigten Fragmenten aus der italienischen Filmgeschichte stehen oder vertiefen sich in eine der zur Ansicht angebotenen Projektbeschreibungen. Es ist Mittagszeit an der Biennale, man weilt in der Arsenale-Cafeteria. Paare, Grüpplein. Man steht für einen doppio und ein tramezzino an, die Temperatur, im Arsenale auf kaum 20 Grad heruntergekühlt, hier doppelt so hoch, wirkt entschleunigend, erdrückend. Doch plötzlich, als der Gast, der jetzt seinen Kaffee erhält, sich umdreht und sein Profil zu erkennen gibt, werden Augen aufgerissen, Hände vor Münder gehalten. Eine Japanerin gibt ihren Platz in der Schlange her, holt ihren Bruder hinzu, die beiden folgen der Gestalt bis ans Tageslicht der Terrasse, wo sie umkehren, um nicht als Fans erkennbar zu werden.

Um 16 Uhr sitzt er im Zentrum der Bühne E und zieht mit seiner Gesprächsteilnahme mehr Publikum an, als Stühle vorhanden sind. Sie lauschen und schreiben, sie fotografieren und filmen: Architektur-Studentinnen, Europäer, Kennerinnen, Urbanisten, Bekannte. Mit Michael Schindhelm spricht er über das Potential einer aktiven Bevölkerung und verweist dabei implizit auf die Akteure von Poveglia per tutti, die vor und nach ihm Bühne E betreten: „The population as a whole, and I include emphatically all of the immigrants, is creating and provoking very blatant forms of creativity and new possibilities.“ Und fährt fort: Angesichts der sich stets wandelnden politischen Umstände und kulturellen Gegebenheiten müsse man nicht Utopien aus der Vergangenheit wiederbeleben, sondern die Hoffnung auf Veränderung aufrecht erhalten: „Systematic optimism is the only viable position, even if at certain times it means to be very naïve.“ Und endlich, im Schatten des Lichtkegels, darf man es sein: Fan von Rem Koolhaas, Biennale-Kurator, Protagonist der Architekturgeschichte in Zeiten der Globalisierung.

 

Teatro alle Tese, Arsenale

Das Teatro in der ehemaligen Flottenbasis der Republik Venedig ist voll besetzt, ein junges, internationales Theaterpublikum hat Platz genommen oder sitzt vor den Stühlen am Boden. Zehn Tage lang entwickeln Theatergruppen aus der ganzen Welt in Workshops tagsüber Stücke und spielen sich diese abends vor. Auf der Bühne stehen drei Griechen, zwei Männer, eine Frau. Der Jüngere hat eine Whiskyflasche in der Hand, schleudert sie in die Luft, kann sie knapp noch fassen. Er lächelt, das Publikum tut es ihm gleich. Es folgen Fetzen von griechischen Monologen, im Hintergrund eine Projektion in englischen Untertiteln, die weder zeitlich noch inhaltlich synchron mit der Handlung sein können, eine Tragödie ist angedeutet. Ein Mann, einsam, schaut aus dem Fenster, er versteht die Welt nicht, will sie nicht verstehen. Man ahnt: Es kann nicht gut enden. Der Blick auf das Ticket, das Stück heisst How to disappear completely, es stammt von der Blitz Theater Group aus Athen. Man möchte in diesem Moment das Gleiche tun: sich entmaterialisieren, still und heimlich. Doch die grossen, schweren Türen der ehemaligen Werft bleiben verschlossen, bis irgendwann das Licht wieder angeht.