Angewandte Spaziergangs-wissenschaft - Teil III

von Zollfreilager-/Friday-Reporterteam Das Zollfreilager-/Friday-Reporterteam (Daniela Bär, Michael Fässler und Ruedi Widmer) war in Venedig als spazierendes Observatorium anwesend und hat seine Beobachtungen kollektiv schreibend in den vorliegenden Szenen festgehalten. gepostet am 08. Dezember 2014

HETEROTOPIEN IN DER HETEROTOPIE

Wann sind Republiken möglich? Wenn sie gerecht sind.
Lucius Burckhardt, Venedig ist unsichtbar

Der Venezianer musste eine neue Art von Geschöpf werden, wie man denn auch Venedig nur mit sich selbst vergleichen kann.
Johann Wolfgang Goethe, Italienische Reise

Unter einem Bogengang hinter mir schauen ein paar Leute auf eine Parole. Dicke runde Buchstaben in schwarzer Kreide: Diese Bande muss sterben. „Ah ja“, sagt der schnurrbärtige Herr mit Strohhut zu den anderen, „das bedeutet: Tod den socialisti”.
John dos Passos, Orient Express

 

Bootsstation San Marco Zaccaria

„Avanti, avanti, avanti!“, schreit der Vaporetto-Begleitfahrer und Avanti popolo liegt in der Luft, das in zahlreiche Varianten übersetzte Arbeiterlied mit der peitschenden Melodie aus der nicht weit entfernten Lombardei. Aufmunternd wedelt er, der an Bord auch als Streitschlichter und Gastronomiekundiger in Erscheinung tritt, das Fussvolk mit international verständlicher Handbewegung über die ausgefahrene Schwelle an Land. „This is like King’s Cross“, zischt ein Londoner mit Union Jack auf der Brust und gelangweilter Begleiterin an der Hand entnervt, doch zur Arbeit fährt um diese Zeit hier niemand: Das Boot ist voll, und zwar mit Feriengästen aus aller Welt.

 

Riva dei Sette Martiri

Wer aus dem Arsenale hinaustritt und sich in den Touristenstrom eingliedert, stösst nach wenigen Metern auf der riva dei Sette Martiri-Promenade auf eine Demarkationslinie: Die weiss eingelassenen Steine auf dem Gehsteig dienen nicht der Dekoration, sondern der Distinktion, wenn hier eine Yacht wie die AZTECA ankert. Grenzen ermöglichen Gemeinschaft und Exklusion: Ich beginne dort, wo du aufhörst. Grenzen bieten den einen Schutz und treiben andere in das Verderben. Die Linie sagt den Strassenverkäufern aus Senegal: Bis hier, aber nicht weiter. Die weissen Steine markieren nicht die Grenze zwischen Staaten, sondern die Abgrenzung zwischen öffentlich und privat, zwischen Käufern und Verkäufern, zwischen Gewinnern und Verlieren in einer Stadt, die bis in den hintersten Winkel globalisiert ist. Grenzen existieren im Bauch und im Kopf – auch wenn das Herz wie in einem Blumfeld-Titel schreit: Mein System kennt keine Grenzen.

 

Zollfreilager

Rio dei Giardini, Arsenale

Gerade haben sie einen apéro riche für special guests des russischen Pavillons geschmissen. Sie: das Catering-Team des Hotel Cipriano in Giudecca. Alles haben sie dabei, und laden sie jetzt wieder auf den Kahn: Tische, Stühle, Gläser, Geschirr und grosse Abfalleimer. „Siamo artisti anche noi“, sagt der Koch. Seine Kollegen sind: der livrierte Kellner im crèmefarbigen Jackett; ein weiterer Kellner in schwarzer Hose und weissem Hemd, der das Jackett ausgezogen, die Fliege aber noch umgebunden hat; zwei Männer im Poloshirt (auf dem Rücken steht I clean); ein zweiter Koch, mit Arbeitskittel, aber ohne Mütze, den orange-gelben Rucksack hat er schon angeschnallt; sowie der Mann vom Transportschiffunternehmen (Brusato Group). Vom losbrausenden Schiff her winkt der Koch, die weisse Mütze immer noch auf dem Kopf, dem Biennale-Gast zu. Er hat auch schon in St. Moritz gearbeitet.

 

Rio dei Tolentini

Gleich nach dem Aussteigen aus dem Vaporetto in San Basilio erreicht man ein von Chinesen geführtes Kaffee. Der Chef steht selbstbewusst an der Theke, sein Kollege blickt unaufgefordert und ganz ungeniert neugierig auf den Bildschirm des Touristen, der mit Google Maps nach seinem Hotel sucht. Erinnerung an die Erzählung eines Italoschweizers, dessen Familie väterlicherseits aus Veneto stammt: In den Gebieten, wo Venedigs Grossbürger ihre Latifundien hatten, trifft man, sagt er, den Untertanenhabitus noch heute an. Sogar das Kind, das im Ausland aufgewachsen war, habe man damals noch mit „comandi“ („befiehl“) angesprochen, wenn man ihm einen Wunsch erfüllen wollte. Venedig, die Heterotopie, die Republik, ist auch eine soziale Topografie: „Die Unteren in Venedig sind aus der Sicht der einfachen Leute in Veneto immer noch Obere.“

An der Theke des zwanzig Meter entfernten Bar-Kiosks ruft einer „hier, hier, hier“. Der Mann ist etwa 40-jährig, hat melancholische Augen, trägt Vollbart, Dreadlocks, Reggaemütze, Batikshirt, ein maghrebinisch anmutendes Rucksäcklein, zeigt auf einen Artikel in der Zeitung. Hier steht, was sie auch in der RAI-Sendung sagten: Täglich 20‘000 bis 40‘000 Touristen aus Kreuzfahrtschiffen wären vielleicht erträglich, es sind aber 100‘000. Sie legen an, bleiben drei vier Stunden, fahren weiter nach Rimini. Sein Redefluss steigert sich noch, als ein blonder Mann, ebenfalls bärtig, oranges Shirt und Shorts, hinzu kommt. Die Geschichte der immer tieferen Rinnen für Öltanker und Verkehrsschiffe wird aufgerollt. Die Geschichte des Sommers, kaum je schönes Wetter. Eine halbe Minute später sind sie weg. Vom Ufer des Rio Tolentini aus sieht man sie, wie sie im Aussenborder in die grosse Wasserstrasse Richtung Giudecca und Bar Palanca entschwinden.

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Hundert Schritte weiter, an der Fondamenta Barbarigo, legt eine Galeristin-Künstlerin selber Hand an. Das schon an der Galeriewand hängende Bild wird für die in zwei Wochen stattfindende Kunstmesse in Giudecca vorbereitet (die Werbung dafür trägt sie auf dem Rücken ihres T-Shirts). Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus der grossen Protestveranstaltung gegen die Grandi Navi vom letzten Sommer, Flaggen und Transparente schwenkende Protestierende in einem Boot, sechs Männer, fünf mit Sonnenbrille, einer mit modischer Brille, zwei Frauen, eine mit einem roten Schal. Links von dem Bild, das jetzt die letzten Retouchen erfährt, eine impressionistische Stadtszene, rechts die Taj Mahal.

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Aus den offenen Fenstern der Hostaria da Barbarigo, auf der anderen Seite des Rio dei Tolentini, klingt El pueblo unido jamas sera vencido, das Lied des chilenischen Protesthelden Victor Jara. Die Zeit des Salvador Allende, sie ist schon ein bisschen her, wird in der Chile-Biennale-Ausstellung mit dem Motiv der sowjetischen Beton-Prefabrikate, die damals für den Siedlungsbau nicht nur des Andenlands eine grosse Rolle spielten, aufgenommen. Heute ist der Inbegriff von Moderne, auch das zeigt die chilenische Show in seiner Inszenierung, ein bürgerliches Interieur, bestückt mit den Bildern der Lieben, ein bisschen Christentum und ein paar ans ferne Asien gemahnende geflochtene Elefanten.

 

Campo Bandiera e Moro

Auf dem Platz wird es langsam dunkel. Unter den drei gemeinsam reisenden Paaren aus der Schweiz, die sich zum Apéro zusammengefunden haben, scheint nur einer in Entdeckungs-, Denk- und Redelaune zu sein. Mit Blick auf die Schar der Kinder fast jeden Alters, die einem Fussball hinterherstieben: „Ich denke, dass die das nicht wegen uns machen.“ Und auf den Mann mit dem Akkordeon zeigend, als dieser, begleitet vom aufheulenden Gejaul eines Hundes, ein besonders anspruchsvolles Stück spielt: „Ihr wisst doch schon, dass das von Tschaikowski ist?“ Der Musiker heisst Christian. Er stammt aus Bukarest, wo er am George Enescu-Gymnasium Pianoforte studiert hat. Um die Bedeutung von Enescu herauszustreichen, sagt er: „Er ist für uns Rumänen wie Vivaldi.“

Zur Frage, was der Kulturheld in der Heimat gilt, und warum man vom „Vivaldi Rumäniens“, aber nicht vom „Enescu Italiens“ spricht: Von der Rückkehr des Marco Polo und seiner Begleiter aus China (1295) wird erzählt, dass die Gruppe zunächst von ihren Verwandten nicht erkannt worden sei. Erst als sie die Säume ihrer Kleidung aufschnitten und die mitgebrachten Edelsteine hervorholten, habe man geglaubt, die einstigen Vertrauten in Fleisch und Blut vor sich zu haben. Und so erst begann auch der fortan unbremsbare Aufstieg des China-Reisenden zum Stoff für globale Brands.