Angewandte Spaziergangs-wissenschaft - Teil II

von Zollfreilager-/Friday-Reporterteam Das Zollfreilager-/Friday-Reporterteam (Daniela Bär, Michael Fässler und Ruedi Widmer) war in Venedig als spazierendes Observatorium anwesend und hat seine Beobachtungen kollektiv schreibend in den vorliegenden Szenen festgehalten. gepostet am 06. Dezember 2014

L'ALTRA RAGIONE

„Man sollte die zivilisierte Welt nicht verlassen“, sagte Diane, in dem Bewusstsein, dass ihre eigene Existenz Beweis genug war.
Robert Byron, The Road to Oxiana

Markuskirche, Dogenpalast, Zecca, Bibliothek, Porcurazien! Euch sehe ich nicht, ihr glockenschlagenden Riesen auf der Torre d’Orologio; Zwerge seid ihr! Oder habt ihr euch verkrochen?
Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter

Irgend etwas muss es sein, das wir an Venedig nicht sehen sollen.
Lucius Burckhardt, Venedig ist unsichtbar

 

Vaporetto No.1

Unbeeindruckt ob der Masse seiner Ladung schaukelt das Vaporetto von Ufer zu Ufer. An Fotografierenswürdigkeiten zieht man vorbei, Fotografierenswürdigkeiten ziehen an einem vorbei. Stets die Möglichkeit, mit dem Zoom der Kamera einen Schritt in die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit zu gehen. Diese Möglichkeiten nutzt auch ein amerikanischer Passagier: Bemüht, seinen dicken ITALY-Führer nicht zu versenken, als er auf AZTECA, die Superjacht des Mexikaners Ricardo Benjamín Salinas Pliego aufmerksam wird, die an der riva dei Sette Martiri ankert. Autor des Führers: Rick Steve. Untertitel: Make the most out of everyday and every dollar.

 

San Trovaso

„Das könnt mer au aquarellieren“, sagt eine offenbar aus Süddeutschland stammende Frau zu ihrem Gefährten, der immer leicht hinter ihr zu gehen scheint. Eine andere, mit roter, umgebundener Outdoorjacke, zu dem Ihrigen, während sie sich ein Eis aussuchen: „Weisch, was mir aufstosst? Der rote Pfeffer.“ An ihnen vorbei geht eine Blonde, Handy am Ohr, auch sie Deutsch sprechend. Sie hat sich entschieden, morgen für die Operation nach Cortina zu fahren, weil sie dort „Subventionen haben“. Lucius Burckhardt schrieb vor mehr als zehn Jahren in Venedig ist unsichtbar: „So bieten die vielen Handy-Telefonierenden ein Theater, dessen Stück erst noch geschrieben werden müsste.“

 

Zollfreilager

Libreria Acqua Alta

„Here, guys, I found it“, ruft die Tochter, und tritt durch den Hintereingang. Die Libreria Acqua Alta rangiert im TripAdvisor mit 4.5 Sternen auf Platz 21 der Sehenswürdigkeiten in Venedig, noch vor der Rialtobrücke. Die Familie ist jetzt auch da, die Kinder posieren für ein Foto, der Vater mit Südstaatenakzent drückt ab, dreht den Kopf: „Oh, look, there is a Gondola full with books!“ Das Wasser stand den Büchern hier auch schon bis zum Hals, man befindet sich auf sea level. Doch nicht nur diesen Büchern steht, immer schon, das Wasser bis zum Hals, sondern auch, heute, dem Buch an sich. Vielleicht auch ein Grund, weshalb Touristen in Scharen in diesen Laden strömen und Fotos machen: Weil es Bücher zum Anfassen, nicht zum Anklicken sind. Und vielleicht ist die Popularität dieses Ortes genau sein Problem: Es ist kein Buchladen, sondern eine Sehenswürdigkeit. Ein thing to do. Auf den Büchern kann man stehen und sitzen, Bücher dienen anderen Büchern als Unterlage, Bücher verschiedener Sparten vermischen sich, Bücher vermischen sich mit Venedig-Ramsch. Gesucht und gefunden werden kann hier nichts, und falls denn wirklich einmal das Wasser hineinlecken sollte, dann wäre es auch nicht so schlimm. In der Mitte des Reiches steht sein König, mittleres Alter, bestens gelaunt, und drückt jedem eintretenden Kunden eine Visitenkarte in die Hand.

 

Bar Palanca, Giudecca

Auf der Tür klebt ein Sticker: „A slice of real Venice“. Auf der anderen Seite des Kanals schiebt sich ein neues Gebäude, Costa Cruises, in die Skyline von Venedig, wenn auch nur für eine Nacht. Die Tische füllen sich, die Vaporetto-Station wippt nebenan im Wasser, die Franzosen trinken Weisswein im Kübel, die bambini der Nachbarn wollen die Pasta nicht aufessen und verzieren lieber den Uferweg mit Kreide. Sie malen Kreise in gelb, blau, rot. Die Bar Palanca ist der Treffpunkt und die Kernzelle der Bürgerbewegung Poveglia per tutti. Im Innern des Lokals klebt ein selbst geschriebener Zettel an der Wand, abbiamo riaperto le iscrizioni. Der Kellner stellt den pesce del giorno auf den Tisch, die gelb-blau-roten Kreise werden immer grösser.

 

Chiesa di San Salvador

Wer über die Schwelle der Chiesa di San Salvador tritt, fällt aus der Zeit. Die Augustsonne bleibt draussen, bis auf ein paar Strahlen aus dem Oberlicht. Seit vielen Jahrhunderten sind diese Kirchen einfach da, unverrückbar. San Salvador wird wohl auch Max Mara und Paul & Shark überdauern. Wer einmal drin ist, muss innehalten. Nur ein schlecht gelaunter Aufseher dreht Runden, vielleicht ist es auch der Pfarrer, er sagt leise „non toccare“, „no foto!“, immer wieder. Für einen Euro kann man sich an einem Automaten Illuminazione kaufen. Das 1-Euro Stück verschwindet im Automaten, ohne das sich etwas bewegt. Kein Licht, keine Erleuchtung.

Zurück über die Schwelle nach Venedig, in das gegen Abend langsam verebbende Besucher-Geplapper und Rollkoffer-Geschepper. Auch die Gruppe der Architekturstudierenden aus Kairo, die eben noch im Arsenale den Worten ihres Professors lauschten („What is right and wrong in architecture?“) hat zum wohlverdienten Feierabendessen in einem Strassenkaffee zusammengefunden. Fast alle sind, da die Karrierechancen nicht immens sind, auch weil männliche Studierende vor dem Militärdienst nicht ins Ausland reisen dürfen, kopftuchtragende Frauen.

 

Zollfreilager

Lido

Wenn die letzten Sonnenschirme zugeklappt sind, wenn nach einem perfekten Sommertag im August langsam wieder Ruhe einkehrt im Lido von Venedig, schliessen auch die Männer, die eben noch Sonnenhüte und Armbänder verkauft haben, ihre mobilen Stände. Dann ziehen sie, sie kommen vielleicht aus dem Senegal, ihr T-Shirt aus. Sie wärmen sich auf, machen Sit-ups, Push-ups, Handstände, kleine Pausen dazwischen, Sit-ups, Push-ups, Handstände. Im Ohr ein Knopf, im Knopf Musik, man hört die Musik nicht und sieht: Auf einmal gilt hier eine andere Währung – hoch im Kurs steht attraktives Aussehen. Ein Ballett, ein Auf und Ab von Männerkörpern, bis sie mit ihren Gütern in der Hand in der Dämmerung verschwinden.

 

Canale Grande

Müde Gesichter nach einem langen Tag, die Lichter der Palazzi tanzen im Wasser. Das Vaporetto bahnt sich seinen Weg zum Piazzale Roma, alles läuft nach Plan, der Tourist aus Japan hält ein Smartphone in der Hand und einen Reiseführer auf dem Schoss, Europe Pocket Book, es ist so dick wie ein Reader’s Digest-Magazin, die Familie aus den USA sitzt auf Koffern, spricht bereits von Paris. Ein paar Gondolieri führen die letzten Touristen aus, aufzuckende Blitzlichter. Auf einmal folgt einer dieser Szenen, die im Französisch-Lehrbuch aus der sechsten Klassen sein könnte, wo alles friedlich im Imparfait dümpelt, ein Wechsel ins Passé simple: Auf der anderen Seite der Rialtobrücke hört man Sirenen, die Vaporetti, die Gondole eilen auf die Seite, eine Ambulanz-Schnellboot fliegt durch den Kanal. Aufzuckende Blitzlichter, bis sich das Wasser Sekunden später wieder beruhigt.